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Antizipation der Krise, Krisenerleben und Regeneration von der Krise sind die verschiedenen Phasen einer Krise © s_sabphoto / fotolia

Krise

Definition Krise: schwierige Lage, Situation, Zeit [die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt]; Schwierigkeit, kritische Situation; Zeit der Gefährdung, des Gefährdetseins; Medizin: kritischer Wendepunkt bei einem Krankheitsverlauf; Krisis

Krisen annehmen

Für krisenhafte Situationen haben wir keine Ad-hoc-Verhaltens- und Denkgewohnheiten parat. Es braucht eine Neuordnung der Gedanken, eine Realisierung und Verarbeitung des Geschehenen, eine Anpassung an die veränderte Situation und damit eine Integration. Auch unsere Emotionen fahren in solchen Momenten Achterbahn.

Handhabung und emotionale Phasen bei Veränderungen aus: Heller, J. "Resilienz. Innere Stärke für Führungskräfte"

Nach dem ersten Schock folgt die Verneinung: „Das kann doch gar nicht sein“, gepaart mit einem Wechselbad der Gefühle. Über Wut, Ärger, Angst, Kummer, Hoffnung, Depression, Resignation, Verzweiflung bis hin zu Trauer ist alles dabei. Erst nach heftigen inneren Kämpfen können Menschen schließlich die Realität bewusst annehmen und sich auf das Neue einstellen.

Prüfen Sie, inwiefern die Veränderung Sie selbst betrifft und was diese für andere bedeutet. Geht es um Aufgaben, Verantwortungsbereiche, Handlungsmöglichkeiten, Finanzen, Status? Beinhaltet die Veränderung Aufstieg, Abstieg oder gar Existenzbedrohung? All diese Aspekte sollten Sie bedenken, wenn sich der Schleier der Emotionen gelegt hat, wenn Sie realistisch und objektiv wieder denkfähig sind.

Szenario-Technik anwenden

Hilfreich ist ein gedanklicher Schritt in die Zukunft. Mit der Szenario-Technik, die Ihnen sicherlich aus der Strategiearbeit vertraut ist, können Sie genauer prüfen, welche positiven und negativen Effekte in den verschiedenen Varianten stecken. Es ist völlig normal, dass Sie erst nach einem Wechselbad der Gefühle zu einer akzeptierenden Haltung gelangen. Schaffen Sie sich den Rahmen, um in solch belastenden Situationen Raum für Ihren inneren Klärungsprozess zu bekommen.

  1. Ziehen Sie sich zurück, lassen Sie sich durch den/die TeamassistentIn bzw. das Sekretariat abschirmen. Suchen Sie sich einen geschützten Ort in der Natur, bei Ihnen zuhause oder bei einem Kurzurlaub.
  2. Prüfen Sie, ob es Ihnen gut tut, allein sein oder ob Sie lieber mit jemand Vertrautem zusammen sein wollen. Eventuell unterstützt ein Zusammensein ohne Reden, so dass Sie anfangen können sich innerlich zu klären.
  3. Bringen Sie ihre Gedanken nach außen – durch Reden oder Schreiben. Suchen Sie sich eine/n verständnisvolle/n ZuhörerIn, der/die auch Ihre Klagen aushält und Sie konstruktiv unterstützen kann.
  4. Körperliche Aktivität in Maßen ist hilfreich, da der Klärungsprozess unbewusst weitergären kann.
  5. Seien Sie verständnisvoll und geduldig mit sich selbst. Solch ein Verarbeitungsprozess braucht seine Zeit.

Aktionsplan für die Krise

Hilfsorganisationen greifen in ihrem Notfallmanagement auf das PROOBAK-Modell zurück, das auch auf unternehmerisches Handeln übertragen werden kann. Folgende 7 Schritte gehören zu solch einem Aktionsplan:

  1. Problem erfassen: Nach dem Erkennen des Problems zeitnahes, ruhiges Analysieren
  2. Ressourcen schaffen: Finanzen, Personal, Produktionsalternativen o.ä.
  3. Optionen sammeln: Umdenken und Alternativen finden
  4. Optionen bewerten: Möglichkeiten gewichten und ihre Wirkungen bewerten
  5. Beschlussfassung: Mit Mut Verantwortung übernehmen und schnell entscheiden.
  6. Ausführung: Entscheidungen kommunizieren, Hintergründe transparent machen und handeln
  7. Kontrolle: Kontinuierliche Bewertung der Umsetzung im Team – ggf. täglich
    (Quelle: Newsletter Jörg Löhr 19.8.2015)

Umgang mit der Krise

Eine Krise ist dann bewältigt, wenn ein Mensch ein Lebensereignis – egal ob beruflich oder privat -, das mit Hilflosigkeit und Ohnmacht verbunden war oder noch ist, in die eigene Lebensgeschichte einordnen kann, ohne dadurch seelisch oder körperlich von überflutendem Stress eingeengt zu werden. Wenn Sie also denk- und handlungsfähig bleiben, obwohl Sie sich wieder an dieses Ereignis erinnern, dann haben Sie es geschafft. Es kann und darf auch sein, dass Sie, während Sie sich erinnern, bemerken, wie Ihr Herz zu pochen anfängt, Sie ein wenig kurzatmiger werden und vielleicht auch etwas zu schwitzen anfangen. Das sind Zeichen, dass Sie bereits „über dem Berg sind“, dass jedoch noch eine Restbelastung vorhanden ist.

Für den Umgang mit Krisen können wir aus der Traumatherapie lernen: Nach einem kritischen Ereignis müssen wir uns zuerst mal stabilisieren. Dafür eignen sich Techniken, die Stress regulieren sowie die intensive Fokussierung auf unsere Ressourcen. Entschei­dend ist dabei, dass wir wieder Eigenverantwortung übernehmen, indem wir etwas tun und darauf vertrauen, dass „Heilung“ möglich ist.

Wenn die Krise in Ihr Leben eingetreten ist, dann ist sie einfach da. Weder Zetern, Jammern, Heulen noch die Probleme zu analysieren, wird auf Dauer helfen. Akzeptanz ist ein wertvoller Schlüssel, um mit Schwierigkeiten umzugehen. Wenn es Ihnen gelingt, sich zu stabilisieren, tun Sie sich etwas richtig Gutes: Sie sorgen dafür, dass Ihre Emotionen wieder in einen mittleren Erregungszustand gelangen.

  • Mit einer Kombination aus Entspannung und Bewegung sorgen Sie für Stressabbau. Egal, ob Sie Fahrrad fahren oder laufen gehen, auch wenn Sie sich nur 15 Minuten täglich bewegen, werden Sie einen deutlichen Unterschied in Ihrem Körperempfinden wahrnehmen.
  • Luise Reddemann, eine Ärztin, die viel mit traumatisierten Patienten gearbeitet hat, empfiehlt gesunde Gedanken zu pflegen. Damit meint sie, dass wir – auch wenn wir krank oder belastet sind – sehr wohl Heiterkeit, Leichtigkeit erleben und Lachen können. Manchen Menschen gelingt das „wie von selbst“, aber Sie können sich auch bewusst darin üben. Filme von Heinz Erhardt, Karl Valentin oder Loriot werden Ihnen auch in einer schwierigen Lage ein Schmunzeln abringen und Sie vielleicht auch erheitern.
  • Stärken Sie Ihren positiven Gefühlsquotienten. Achten Sie bewusst in Ihrem Tagesverlauf auf all die positiven Gefühle, die es trotz Krise auch in Ihrem Leben gibt.
  • Fokussieren Sie sich auf die Gegenwart. Vielleicht brauchen Sie zunächst nur Abstand. Vielleicht ist es gerade gut, erst abzuwarten, noch nichts konkret anzupacken. Fokussieren Sie sich auf das Weiterleben, einfach von Tag zu Tag.
  • Strukturieren Sie Ihren Tag: Legen Sie fest, wann Sie aufstehen werden, wann und wie Sie Ihre Mahlzeiten einnehmen wollen, wann Sie im Laufe des Tages Bewegung und wann Sie Entspannung einplanen. Eine festgelegte Struktur kann vorübergehend Halt und Sicherheit geben.
  • Sorgen Sie für sich, da Sie damit auch Selbstverantwortung übernehmen. Es geht darum, dass Sie wieder Balance gewinnen und sich körperlich und seelisch stabilisieren. Das Leben geht weiter. Seien Sie gnädig mit sich, Sie brauchen nur einigermaßen zu funktionieren. Konzentrieren Sie sich auf das, was gut läuft, und kommen Sie allmählich wieder ins Handeln.

Quelle und zum Weiterlesen: Heller, J. (2016). Resilienz. 7 Schlüssel für mehr innere Stärke. 6. Aufl., München: Gräfe und Unzer, S. 174ff.

Resilienzförderung in Notfallsituationen – Erste Hilfe für die Seele

Immer wieder sind Führungskräfte mit akuten Notfallsituationen, vielleicht auch mit traumatischen Erfahrungen im eigenen Leben wie auch im Leben ihrer MitarbeiterInnen konfrontiert. Selbst wenn die betroffenen Personen als stressresistent und widerstandsfähig gelten, bringen massiv krisenhafte Ereignisse deren Leben grundlegend aus dem Gleichgewicht. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Hierzu gilt es, personale wie auch externe Ressourcen zu aktivieren.

  • Förderung von Sicherheit: Der Einstieg in ein sicherndes Hilfssystem ist das Bereitstellen von sicheren Orten und das Zur-Verfügung-Stellen von verlässlichen Ansprechpersonen, die auf der Suche nach stabilisierenden Handlungsschritten unterstützend tätig sind.
  • Förderung von Selbstwirksamkeit: In der Krisenintervention ist es von zentraler Bedeutung, dass Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit der Betroffenen so gestärkt werden, dass sie sich vom ,,passiv erlebten Opfer“ zum ,,aktiven Überlebenden“ entwickeln können.
  • Förderung von Ruhe: Gemeint sind hier Distanzierungsmöglichkeiten, ruhige Räume, Spiele und Ablenkungsmöglichkeiten, sprich emotionale Pausen (Ruheinseln). Diese zu schaffen, ohne Betroffene dann ganz alleine zu lassen, ist hilfreich.
  • Förderung von Verbundenheit: Soziale Unterstützung zählt zu den wirksamsten Stabilisierungsfaktoren, daher ist es enorm wichtig, familiäre und soziale Netzwerke gezielt zu aktivieren.
  • Förderung von Hoffnung: In der Akutphase wird darunter die Vermittlung des Selbstvertrauens zur Bewältigung der nächstmöglichen Schritte in die Zukunft verstanden. Selbst dann, wenn diese im Augenblick für die Betroffenen noch unvorstellbar scheinen.

(Quelle: Buchacher, Kölblinger, Roth & Wimmer (2015). Das Resilienztraining. Wien: Linde Verlag, S. 188)

Aufstehen, weitergehen, wachsen

Niemand erlebt gerne eine Krise – und dennoch stellen viele Menschen im Nachhinein fest, wie wichtig große Krisen für ihre eigene Entwicklung waren. Viele möchten bestimmte Krisen in ihrem Leben nicht missen. Resiliente Menschen erleben nach dem Meistern von Krisen genau diesen Effekt, für den der Begriff „Posttraumatisches Wachstum“ geprägt wurde. Sie gelangen nach einer Krise nicht nur schneller wieder in ihren guten Ausgangszustand zurück, sondern nehmen aus einer Krise noch dazu viel Positives mit. Ein tröstender Gedanke: Jede Krise, die wir meistern, macht uns resilienter und bereitet uns damit besser auf zukünftige Herausforderungen vor.