Resiliente Mitarbeiter:innen: Neues Karriereverständnis
Aber von vorne. Der Schwerpunkt der genannten Studie liegt auf der Einschätzung von „Karriere“ erwerbsarbeitender Menschen. Und da ergab sich ein interessantes Ergebnis: Immer weniger Menschen verstehen Karriere als das Hochklettern einer relativ festgelegten Karriereleiter, von einer Position in die nächste, im selben oder sehr ähnlichen Unternehmen. Sondern immer mehr Menschen begreifen „Karriere“ als eine persönliche Weiterentwicklung. Sie orientieren sich dabei an eigenen Werten, die sie für sich definiert haben und die dazu führen, dass sie vielleicht in andere Aufgabenbereiche wechseln und „seitwärts“ Karriere machen. Oder für sich gänzlich neue Arbeitsformen entdecken und sich in einer Selbständigkeit oder als working nomad ausprobieren. Als Ziel dieser Karriere steht jedenfalls nicht mehr immer der Vorstandsposten im Unternehmen, in dem die Person ihre Lehre gemacht hat.
Ein Beispiel: Anfang 2023 führte ich ein 1-Tages-Resilienztraining für ein Beratungs-Unternehmen durch, in dem sich die Top-Führungskräfte mit ihrem hohen Workload „positiv verkaufen“ wollten. Um das zu schaffen „seien mehrfach im Jahr Aufputschmittel nötig…“ – was mich sehr erschreckt hat. Grund für das Training war die Burnout-Gefährdung der Führungskräfte. Wie passt das zusammen? Aufputschmittel zur Leistungssteigerung zu nehmen ist ein hochgradig selbstgefährdendes Verhalten – wie kann da eine Haltung der Selbstfürsorge entsehen?
Etwa drei Monate nach dem Training erreichte mich über LinkedIn die Nachricht einer Trainings-Teilnehmerin. Sie bedankte sich für die Impulse aus dem Training und berichtete, dass sie das Unternehmen verlassen habe und in die Selbstständigkeit gegangen sei. Ihr war klargeworden, dass sie die Haltung der Top-Führungskräfte nicht mehr akzeptieren konnte: Sie hatte die Spirale aus Druck und (Selbst-)Ausbeutung verlassen und für sich einen anderen Karriereweg gefunden.
Diese neue Haltung heißt „Protean Career“ (Hall, 1996, 2002), nach der Karriere verstanden wird als mehrere, klar erkennbare Lernzyklen sowie individuelle, werteorientierte und selbstgesteuerte Entscheidungen im Karriereverlauf. Weil die meisten Laufbahnen in einer VUCA-Welt auch gar nicht mehr geradlinig verlaufen können, liegt auf der Hand, das Resilienz bei Rückschlägen und Flexibilität für alternative Wege zum beruflichen Erfolg beiträgt. Und solche Menschen, die alternative Wege für sich finden, wo sie nach ihren Werten arbeiten und leben können, erfahren in ihrer Arbeit einen Sinn erster Ordnung, was zu höherer Leistungsbereitschaft und mehr Engagement führt.