Wahrgebung – die Konstruktion der Realität
Stellen Sie sich dafür eine Führungskraft vor, die von einem überkritischen, ständig nörgelnden Chef genervt ist. Die Wirklichkeit der Führungskraft ist: Der Chef nimmt überhaupt nicht wahr, was ich leiste und gibt mir immer die unangenehmen Jobs on top, wo Konflikte zu klären sind z.B. mit dem Betriebsrat.
Was würde passieren, wenn die Führungskraft die Wirklichkeitsalternative erwägen könnte, dass es sich bei den Chef um eine Person handelt, die die Dinge wirklich verändern will und vielleicht aus Erfahrung sehr gewissenhaft vorgeht? Es würden sich neue Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung eröffnen.
Prof. Dr. Paul Watzlawick, einer der bedeutendsten Vertreter des Konstuktivismus, spricht von einer Wirklichkeit 1. und 2. Ordnung. Die Wirklichkeit 1. Ordnung ist das, was wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen: Ich höre ein Geräusch, und es ist eine Stimme. Die Wirklichkeit 2. Ordnung ist unsere Zuschreibung von Bedeutung an diese Sinneswahrnehmung: Dass die Stimme Worte produziert, die wir verstehen können und dass wir eine Handlungsaufforderung daraus ableiten oder den Tonfall als „nörgeln“ interpretieren.
Unser Blick auf das, was wir wahrnehmen, ist immer verzerrt. Er ist beeinflusst von den Erfahrungen, die wir gemacht haben, von der Kultur, in der wir leben, vom Kontext der Situation. Wir sollten uns immer im Klaren sein, dass ein anderer Blick auch zu ganz anderen Ergebnissen kommen könnte. Wir wählen eine bestimmte Lesart für das, was passiert. Nach einem Zitat von Wittgenstein: „Das Verführerische der kausalen Betrachtungsweise ist, dass sie einen dazu führt, zu sagen: Natürlich – so musste es geschehen. Während man denken sollte: so und auf viele andere Weise, kann es geschehen sein.“ (zitiert nach Arnold, s.u.).
Unser Erleben wird also ständig neu erzeugt, wir konstruieren unsere Realität ständig neu. Der größte Teil der Zuschreibung verläuft dabei unbewusst. Und sie ist immer beeinflusst davon, worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren: Allein schon, welchem Sinn wir die meiste Aufmerksamkeit widmen (visuell-sehen, auditiv-hören, kinästhetisch-spüren, olfaktorisch-riechen, gustatorisch-schmecken), ändert unsere Wahrnehmung. Das eigene Erleben ist dabei aber nicht nur sozusagen ein „Spiegel“ oder eine Fotografie dessen, was passiert, sondern wir sind in ständigen Rückkopplungsprozessen mit anderen und mit unserer Umwelt. Wir reagieren auf Reize aus unserer Umwelt, die sich wiederum durch unser Verhalten ändern. Deswegen spricht Gunther Schmidt von „Wahrgebung“: Nichts ist, alles wird individuell konstruiert. Oder wie er selbst, ein Künstler des Wortspiels, es ausdrückt: Wir erzeugen zwar nicht unser Leben, aber unser Er-Leben.
Was das Konzept der Wirklichkeit 2. Ordnung und der Wahrgebung auch bedeutet, ist: Je nachdem, worauf wir unseren Fokus richten, erleben wir unsere Wirklichkeit anders. Und darin liegt die Möglichkeit, unsere Situation zu verändern – indem wir unseren Fokus ändern.