Zeit etwas zu ändern – Entwicklung, Übergänge und neue Perspektiven
Ein Artikel über Mut, Loslassen und Zuversicht.
Über Wahrnehmung, Beurteilung und darüber, wie Veränderung beginnt – oft lange bevor wir äußerlich etwas tun. Manchmal entsteht dieser innere Moment, in dem wir spüren: Es ist Zeit etwas zu ändern.
„Wie man frisch beobachtet, um neu wahrzugeben“ ist der Titel eines kürzlich erschienenen Buches von Rolf Arnold, das ich mit großem Interesse gelesen habe. Und ich fragte mich, wie verbreitet das Konzept der „Wahr-Gebung“, das so exponiert im Buchtitel verwendet wird, wohl mittlerweile ist. Noch immer wird in meinen Texten nämlich „Wahrgebung“ von der Autokorrektur wahlweise zu „Wahrnehmung“ oder „Vergebung“ korrigiert…
Zeit etwas zu ändern – wenn Entwicklung ansteht
Es gibt Situationen im Leben, in denen wir merken, dass das, was bisher getragen hat, nicht mehr passt. Äußerlich scheint vielleicht noch alles in Ordnung, innerlich jedoch entsteht Unruhe. Diese Phasen markieren häufig biografische Übergänge: berufliche Neuorientierungen, Midlife-Phasen, Rollenwechsel oder persönliche Neujustierungen.
Resilienz zeigt sich hier nicht als bloßes Durchhalten, sondern als entwicklungsbezogener Prozess. Sie verändert sich über Lebensphasen hinweg und hängt wesentlich davon ab, ob Menschen Übergänge bewusst gestalten können – oder versuchen, an überholten Mustern festzuhalten.
Wahrgebung – wie Wirklichkeit entsteht
Wir nehmen die Welt nicht einfach wahr, wir geben ihr Bedeutung. In der Psychologie wird dieser Prozess als Wahrgebung bezeichnet. Er beschreibt, wie wir Sinn konstruieren – aus Erfahrungen, Erinnerungen, Erwartungen und Bewertungen.
Was wir als „Realität“ erleben, ist daher immer auch ein Ergebnis unserer inneren Filter. Diese Filter haben sich biografisch entwickelt und waren zu bestimmten Zeiten sinnvoll. Doch genau hier entsteht oft der Punkt, an dem Menschen spüren: Es ist Zeit etwas zu ändern.
Nicht, weil die Welt objektiv eine andere geworden ist – sondern weil die bisherige Art, sie zu deuten, nicht mehr trägt.
Wahrgebung
Dabei ist die Idee der Wahrgebung ganz zentral für das Verständnis dafür, wie Menschen sich verändern können oder warum es ihnen oft so schwerfällt, sich zu verändern. Meist nehmen wir an, dass das, was wir sehen, hören und erleben, die „Wirklichkeit“ ist. In dem Moment jedoch, in dem wir verstehen, dass wir alle uns eine eigene Wirklichkeit konstruieren, öffnen sich viel mehr Möglichkeiten, eine Veränderung herbeizuführen.
Stellen Sie sich dafür eine Führungskraft vor, die von einem überkritischen, ständig nörgelnden Chef genervt ist. Die Wirklichkeit der Führungskraft ist: Der Chef nimmt überhaupt nicht wahr, was ich leiste und gibt mir immer die unangenehmen Jobs on top, wo Konflikte zu klären sind z.B. mit dem Betriebsrat.
Was würde passieren, wenn die Führungskraft die Wirklichkeitsalternative erwägen könnte, dass es sich bei den Chef um eine Person handelt, die die Dinge wirklich verändern will und vielleicht aus Erfahrung sehr gewissenhaft vorgeht? Es würden sich neue Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung eröffnen.
Prof. Dr. Paul Watzlawick, einer der bedeutendsten Vertreter des Konstuktivismus, spricht da von einer Wirklichkeit 1. und 2. Ordnung. Die Wirklichkeit 1. Ordnung ist das, was wir über unsere Sinnesorgane wahrnehmen: Ich höre ein Geräusch, und es ist eine Stimme. Die Wirklichkeit 2. Ordnung ist unsere Zuschreibung von Bedeutung an diese Sinneswahrnehmung: Dass die Stimme Worte produziert, die wir verstehen können und dass wir eine Handlungsaufforderung daraus ableiten oder den Tonfall als „nörgeln“ interpretieren.
Unser Blick auf das, was wir wahrnehmen, ist immer verzerrt. Er ist beeinflusst von den Erfahrungen, die wir gemacht haben, von der Kultur, in der wir leben, vom Kontext der Situation. Wir sollten uns immer im Klaren sein, dass ein anderer Blick auch zu ganz anderen Ergebnissen kommen könnte. Wir wählen eine bestimmte Lesart für das, was passiert. Nach einem Zitat von Wittgenstein:
„Das Verführerische der kausalen Betrachtungsweise ist, dass sie einen dazu führt, zu sagen: „Natürlich – so musste es geschehen.“ Während man denken sollte: so und auf viele andere Weise, kann es geschehen sein.“ (zitiert nach Arnold, s.u.).
Unser Erleben wird also ständig neu erzeugt, wir konstruieren unsere Realität ständig neu. Der größte Teil der Zuschreibung verläuft dabei unbewusst. Und sie ist immer beeinflusst davon, worauf wir unsere Aufmerksamkeit fokussieren: Allein schon, welchem Sinn wir die meiste Aufmerksamkeit widmen (visuell-sehen, auditiv-hören, kinästhetisch-spüren, olfaktorisch-riechen, gustatorisch-schmecken), ändert unsere Wahrnehmung. Das eigene Erleben ist dabei aber nicht nur sozusagen ein „Spiegel“ oder eine Fotografie dessen, was passiert, sondern wir sind in ständigen Rückkopplungsprozessen mit anderen und mit unserer Umwelt. Wir reagieren auf Reize aus unserer Umwelt, die sich wiederum durch unser Verhalten ändern. Deswegen spricht Gunther Schmidt von „Wahrgebung“: Nichts ist, alles wird individuell konstruiert. Oder wie er selbst, ein Künstler des Wortspiels, es ausdrückt: Wir erzeugen zwar nicht unser Leben, aber unser Er-Leben.
Was das Konzept der Wirklichkeit 2. Ordnung und der Wahrgebung auch bedeutet, ist: Je nachdem, worauf wir unseren Fokus richten, erleben wir unsere Wirklichkeit anders. Und darin liegt die Möglichkeit, unsere Situation zu verändern – indem wir unseren Fokus ändern.
Beurteilen – der stille Motor von Veränderung
Zwischen Wahrnehmung und Handlung liegt das Beurteilen. Wir ordnen ein, bewerten, vergleichen, interpretieren. Diese Bewertungen beeinflussen nicht nur einzelne Entscheidungen, sondern langfristig unser Selbstbild und unsere Identität.
Gerade in Übergangsphasen geraten diese Bewertungen häufig ins Wanken. Menschen beginnen, ihre bisherigen Maßstäbe zu hinterfragen:
Was gilt für mich noch?
Was hat sich überlebt?
Woran halte ich fest, obwohl es mich begrenzt?
Diese Fragen markieren einen zentralen Entwicklungsschritt. Veränderungskompetenz zeigt sich hier als Fähigkeit, Bewertungen nicht automatisch fortzuschreiben, sondern bewusst zu reflektieren.
Beurteilen
In eine Veränderung können wir erst dann kommen, wenn es gelingt uns klarzumachen, dass wir uns in einer Wirklichkeitskonstruktion bewegen. Diese Erkenntnis eröffnet ganz neue Perspektiven, denn sie gibt uns die Möglichkeit, Situationen und das Verhalten anderer Menschen neu zu interpretieren und neue Sichtweisen einzunehmen. Auch die Hirnforschung liefert Evidenz dafür, dass schon allein der Gedanke, dass „das, was mir so scheint, nicht so ist“, Perspektivenvielfalt eröffnet. Es verändert sich etwas dadurch, dass Möglichkeiten in den Blick kommen, die vorher nicht beachtet wurden.
Aber: Erkennen, beobachten und beurteilen sind zwar verschiedene Schritte, laufen jedoch so blitzschnell ab, dass wir sie meist gar nicht trennen können. Die meisten unserer Reaktionsmuster sind unwillkürlich. Wir müssen uns selbst auf die Schliche kommen, warum wir Situationen erleben, wie wir sie erleben und welche Beurteilung wir unbewusst vornehmen. Denn Menschen erleben dieselbe Situation äußerst unterschiedlich, selbst dann, wenn die Situation an sich gleich wahrgenommen wird. Die Beurteilung als „bedrohlich“ triggert beispielsweise bei jedem/jeder unterschiedliche Denk -und Erlebnismuster: Eine wahrgenommene Bedrohung aktiviert bei manchen den Fluchtreflex, bei anderen den Kampfmodus und bei wieder anderen einen Totstellreflex. Solche Verhaltensmuster werden schon in der Kindheit programmiert und die emotional-kognitiven Erinnerungen beeinflussen die Realitätskonstruktion.
Wenn es Zeit ist, etwas zu ändern
Oft wird Veränderung als äußerer Akt verstanden: kündigen, umziehen, neu beginnen. Tatsächlich beginnt Veränderung jedoch viel früher – auf der Ebene der inneren Konstruktion von Wirklichkeit.
Erst wenn wir erkennen, dass unsere Sicht auf die Dinge nicht alternativlos ist, entsteht Gestaltungsraum. Dann wird aus einem diffusen Unbehagen ein klareres Gefühl dafür, dass es Zeit etwas zu ändern ist – und auch dafür, wie diese Veränderung aussehen könnte.
Es ist bereits ein großer Schritt zu erkennen, dass man in einer Situation beurteilt hat. Ein noch größerer, wenn es gelingt, zurückzutreten und das eigene Urteil neu zu prüfen. In diesem Moment können wir versuchen, neue Muster zu erkennen, die wir bisher übersehen haben – und das öffnet uns die Möglichkeit, die bisherigen Muster zu verändern oder zu durchbrechen. Dabei sollten wir aber immer auch unser aktuelles Muster, das unser „Problem“ darstellt, würdigen und nicht verdammen. Denn Probleme sind Lösungen für Vergangenes: Jedes Verhalten wurde entwickelt, weil es in seinem Moment einen Sinn machte – und wenn wir es jetzt verändern wollen, dann müssen wir diese vergangene Lösung würdigen und uns im Klaren sein, dass wir auch etwas aufgeben müssen, was vorteilhaft für uns ist. Denn Nicht-Verändern hat immer Vorteile, und Veränderung hat immer auch Nachteile. Wichtig ist dabei, dass die Veränderung sich lohnen sollte.
Die Wirklichkeit neu konstruieren
Wenn Wirklichkeit konstruiert ist, kann sie auch neu konstruiert werden. Nicht beliebig, aber bewusst. Diese Einsicht ist ein zentraler Hebel für Entwicklung und Resilienz.
Im Coaching zeigt sich immer wieder: Menschen gewinnen Handlungsspielraum, wenn sie lernen,
Perspektiven zu wechseln,
innere Bilder zu verändern,
alternative Deutungen zuzulassen.
Gerade in Lebensphasen des Umbruchs eröffnet dies neue Entwicklungswege – jenseits von Anpassung oder Rückzug.
Praktische Ansätze, wenn es Zeit ist, etwas zu ändern
Submodalitätenarbeit – innere Bilder verändern
Unsere inneren Bilder haben Struktur: Nähe, Größe, Helligkeit, Bewegung. Werden diese verändert, verändert sich auch das emotionale Erleben. Im Coaching kann diese Arbeit helfen, festgefahrene Sichtweisen zu lockern und neue Optionen zugänglich zu machen – besonders in Übergangsphasen.
Arbeit mit Zeitebenen – Entwicklung sichtbar machen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflussen sich gegenseitig. Wer Veränderung gestalten will, profitiert davon, biografische Erfahrungen neu einzuordnen und Zukunftsbilder bewusst zu entwickeln. Diese Arbeit unterstützt Identitätsprozesse und stärkt die Wahrnehmung von Selbstwirksamkeit.
Vom Ende her denken – Orientierung gewinnen
Sich vorzustellen, wie man rückblickend auf eine Phase schauen möchte, verändert den Blick auf das Heute. Diese Perspektive hilft, Entscheidungen nicht nur reaktiv, sondern entwicklungsorientiert zu treffen – ein wichtiger Aspekt von Veränderungskompetenz.
Entwicklung statt Anpassung
Nicht jede Veränderung erfordert Anpassung. Manchmal braucht es Entwicklung. Der Unterschied ist entscheidend: Anpassung erhält bestehende Muster, Entwicklung verändert sie. Resilienz zeigt sich langfristig dort, wo Menschen ihre Identität weiterentwickeln können, ohne sich selbst zu verlieren.
Gerade für Menschen in Midlife-Phasen, bei Karriereübergängen oder in Re-Orientierungsprozessen ist dies von hoher Bedeutung.
Zeit etwas zu ändern – Reflexion und nächste Schritte
Wenn Sie beim Lesen merken, dass etwas in Ihnen resoniert, könnte das ein Hinweis sein: Es ist Zeit etwas zu ändern. Nicht überstürzt, sondern reflektiert. Nicht allein, sondern begleitet.
Zum Weiterlesen:
- Arnold, R. (2023). Wie man frisch beobachtet, um neu wahrzugeben. 29 Regeln der Achtsamkeit. Heidelberg: Carl Auer.
- Mücke, K. (2003). Probleme sind Lösungen. Potsdam: Ökosysteme Verlag.
- Prior, M. (2006). MiniMax-Inteventionen. 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. Heidelberg: Carl Auer
- Rolf Arnold zu Gast im Podcast „Sounds of Science“, online verfügbar (abgerufen am 18.03.2024): https://soundcloud.com/search?q=rolf%20arnold
- Interviewausschnitt mit Paul Watzlawick: Wirklichkeit und Wahrheit. Online verfügbar (abgerufen am 18.03.2024): https://youtu.be/LEmZ2GOxzo8?feature=shared






