Selbstbild und Fremdbild: Warum Feedback so wichtig ist
Wie sehen Sie sich selbst – und wie werden Sie von anderen wahrgenommen?
Zwischen Selbstbild und Fremdbild gibt es häufig Unterschiede. Während wir selbst davon überzeugt sind, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen oder eine bestimmte Wirkung zu haben, erleben andere Menschen uns möglicherweise ganz anders. Diese Unterschiede sind ganz normal, können aber sehr aufschlussreich sein.
Gerade im beruflichen Alltag kann es hilfreich sein, sich bewusst mit dem eigenen Selbstbild und Fremdbild auseinanderzusetzen. Wer bereit ist, Feedback einzuholen, bekommt wertvolle Hinweise darauf, wie das eigene Verhalten tatsächlich wirkt.
Praxis-Beispiele zu Selbstbild und Fremdbild
Ich erlebe immer wieder Situationen, in denen Menschen überrascht sind, wenn sie Rückmeldungen von anderen erhalten. Ihr eigenes Bild von sich selbst stimmt nicht immer mit der Wahrnehmung anderer überein.
Ein Teilnehmer in einem Workshop war zum Beispiel überzeugt, sehr klar und strukturiert zu kommunizieren. Als er seine Kolleginnen und Kollegen um Feedback bat, erhielt er eine ganz andere Rückmeldung: Einige empfanden seine Aussagen als eher knapp und manchmal sogar etwas distanziert.
Für ihn war das zunächst irritierend. Gleichzeitig wurde ihm dadurch bewusst, dass zwischen seinem Selbstbild und Fremdbild eine gewisse Differenz bestand. Erst durch diese Rückmeldung konnte er verstehen, warum manche Gespräche anders verliefen als erwartet.
Oder stellen Sie sich einen Abteilungsleiter vor, der schon lange im Unternehmen ist und gerne den nächsten Karriereschritt gehen würde. Er ist überzeugt, dass er den damit verbundenen neuen Herausforderungen fachlich und mental gewachsen wäre. Seine Vorgesetzte jedoch sieht diese Kompetenz zum jetzigen Zeitpunkt nicht, was für ihn frustrierend und enttäuschend ist. Er habe doch immer alle Aufgaben mit Engagement erledigt und die Abteilung strategisch gut aufgestellt.
Kennen Sie solche Situationen? Wie würden Sie weiter agieren? Sich ins rechte Licht rücken, damit Ihre Vorgesetzte von Ihren Kompetenzen überzeugt wird? Oder würden Sie sich eher zurückziehen und ggf. enttäuscht schmollen und sich nun nicht mehr „so reinhängen“?
Bedeutung von Feedback für unser Selbstbild und Fremdbild
Die Beispiele zeigen, wie wichtig Feedback sein kann. Ohne Rückmeldungen von anderen bleiben viele Aspekte unseres Verhaltens für uns selbst unsichtbar. Wir sehen nur unser eigenes Selbstbild, während das Fremdbild für uns zunächst verborgen bleibt. Damit können wir uns ggf. unterschätzen oder auch überschätzen.
Feedback hilft dabei, die beiden Perspektiven miteinander zu vergleichen. Es eröffnet die Möglichkeit zu erkennen, welche Wirkung wir tatsächlich auf andere haben. Manchmal bestätigt Feedback unser Selbstbild – manchmal zeigt es uns auch neue Seiten unseres Verhaltens.
Die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Selbstbild und Fremdbild auseinanderzusetzen, ist auch ein wichtiger Bestandteil von Resilienz. Menschen, die offen für Rückmeldungen sind, können ihr Verhalten flexibler anpassen und aus Erfahrungen lernen. Dadurch erweitern sie ihren Handlungsspielraum und entwickeln sich weiter.
Selbstbild und Fremdbild im strukturierten 360-Grad-Feedback
Eine besonders strukturierte Form, Selbstbild und Fremdbild miteinander zu vergleichen, ist das sogenannte 360-Grad-Feedback. Dabei erhält eine Person Rückmeldungen aus verschiedenen Perspektiven – zum Beispiel von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeitenden oder auch von Kunden.
Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass nicht nur eine einzelne Rückmeldung betrachtet wird, sondern mehrere Blickwinkel zusammenkommen. Dadurch entsteht ein umfassenderes Bild der eigenen Wirkung. Häufig zeigt sich dabei sehr deutlich, wo Selbstbild und Fremdbild übereinstimmen und wo Unterschiede bestehen.
Typische Perspektiven im 360-Grad-Feedback sind:
- Vorgesetzte
- Kolleg:innen
- Mitarbeitende
- Kunden oder Projektpartner:innen
- eigene Selbstbewertung
In vielen Organisationen wird 360-Grad-Feedback als Instrument der Personalentwicklung eingesetzt. Die Rückmeldungen erfolgen meist anonym und anhand strukturierter Fragen. So wird es leichter, ehrliche Einschätzungen zu geben und Muster in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.
Für die eigene Entwicklung ist dabei besonders interessant, welche Rückmeldungen sich wiederholen. Wenn mehrere Personen ähnliche Beobachtungen teilen, kann dies ein wichtiger Hinweis darauf sein, wie das eigene Verhalten tatsächlich wahrgenommen wird.
Auch wenn ein formales 360-Grad-Feedback nicht immer zur Verfügung steht, lässt sich der Grundgedanke leicht in den Alltag übertragen: Je mehr Perspektiven wir einbeziehen, desto klarer wird das Verhältnis zwischen Selbstbild und Fremdbild. Deshalb kann es sehr hilfreich sein, bewusst verschiedene Menschen um Feedback zu bitten.
Coaching-Tipp für Ihr Selbstbild und Fremdbild
Wenn Sie mehr über Ihr eigenes Selbstbild und Fremdbild erfahren möchten, können Sie gezielt Feedback einholen. Bitten Sie Menschen aus Ihrem beruflichen oder privaten Umfeld um eine ehrliche Rückmeldung.
Fragen Sie zum Beispiel:
– Wie erleben Sie mich in bestimmten Situationen?
– Welche meiner Stärken fallen Ihnen besonders auf?
– Gibt es etwas, das ich aus Ihrer Sicht anders machen könnte?
Wichtig ist dabei, Feedback zunächst einfach anzunehmen und aufmerksam zuzuhören. Es geht nicht darum, jede Rückmeldung sofort zu bewerten oder zu rechtfertigen, sondern darum, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Fragen Sie gerne liebe Kolleg:innen. Am meisten werden Sie jedoch profitieren, wenn Sie mit Personen sprechen, zu denen Ihre Beziehung gerade nicht so gut ist.
Umgang mit Feedback
Nicht jede Rückmeldung fühlt sich im ersten Moment angenehm an. Dennoch kann Feedback eine wertvolle Lernchance sein. Wenn Sie verschiedene Perspektiven auf Ihr Verhalten hören, entsteht ein klareres Bild davon, wie Selbstbild und Fremdbild zusammenpassen – oder wo es Unterschiede gibt.
Unterschiede zwischen Selbstbild und Fremdbild sind ganz normal. Entscheidend ist nicht, dass beide Bilder immer vollständig übereinstimmen, sondern dass wir bereit sind, uns mit diesen Unterschieden auseinanderzusetzen.
Wer Feedback offen annimmt und reflektiert, kann die eigene Wirkung besser verstehen und bewusst weiterentwickeln. Genau darin liegt eine wichtige Grundlage für persönliches Wachstum und für gelingende Zusammenarbeit mit anderen.




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