Der Weg zur Achtsamkeit

In diesem Beitrag geht es um die Rolle von bewusster Wahrnehmung und Selbstfürsorge in der Stressbewältigung für Führungskräfte.

In einer Welt, in der die Geschwindigkeit des Alltags stetig zunimmt und die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zunehmend verschwimmen, stehen Führungskräfte vor der Herausforderung, nicht nur ihre Teams effizient zu leiten, sondern auch sich selbst vor dem Ausbrennen zu schützen. Die Bedeutung von bewusster Wahrnehmung und Selbstfürsorge in der Bewältigung von Stress und Druck kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Die Achtsamkeit, also die bewusste Wahrnehmung dessen, was ist, ohne sofortige Bewertung, spielt eine zentrale Rolle in der modernen Arbeitswelt. Viele Konflikte und Missverständnisse entstehen durch die zugrundeliegende Annahme, dass alle Menschen eine gemeinsame Wahrnehmung der Welt hätten. Wie wir Situationen wahrnehmen, ist jedoch stark von unseren individuellen Erfahrungen und Prägungen beeinflusst – diese zeigen sich meist in unserem „schnellen Denken“.

Achtsamkeit und schnelles Denken

Ohne es bewusst zu bemerken, bewerten wir Situationen blitzschnell und nehmen dann an, dies sei die Welt, „wie sie objektiv ist“. Daniel Kahneman, ein Pionier in der Erforschung des menschlichen Denkens, bezeichnet diese intuitive Bewertung als unser „schnelles Denken“. Mit dieser Art des Denkens können wir uns das Leben selbst schwer machen und engen den Lösungsfokus immer mehr ein, weil wir Reaktionen nicht mehr hinterfragen, sondern immer wieder gleich auf Situationen reagieren. Je schnelllebiger aber eine Zeit ist – und die jetzige Zeit ist von schnellen Veränderungen geprägt – desto ungünstiger ist es, mit Lösungen zu reagieren, die sich vielleicht früher als sinnvoll erwiesen haben, es aber nicht unbedingt immer noch sind. Führungskräfte sollten daher innehalten und nicht über das Problem nachdenken, sondern wahrnehmen, wie sie sich dem Problem nähern, welche Fragen sie stellen und vor allem auch, welche Fragen sie nicht stellen, welche Perspektiven sie vielleicht außer Acht lassen.

Weg zur Achtsamkeit

Ein entscheidender Aspekt für den Weg zur Achtsamkeit ist die Veränderung der eigenen Wahrnehmungsroutine. Der Ausdruck „Routine“ beinhaltet schon, dass diese Wahrnehmung automatisch passiert – deswegen ist es nicht einfach, sich selbst dabei zu beobachten und die eigene Routine zu verändern. Als Coach gebe ich Ihnen in diesem Prozess eine wesentliche Unterstützung, indem ich Sie von außerhalb Ihres Erlebnisraumes bei den Schritten zur Umkehr Ihrer eigenen Bewertung Ihrer Wahrnehmungen begleite. Dieser Prozess läuft in fünf Schritten ab

  1. Nüchterne Beobachtung. Ergründen Sie, wie Sie spontan eine Situation beurteilen. Worum geht es anderen beteiligten Parteien?
  2. Selbstreflexion. Erkennen Sie, welche Erfahrungen die Situation in Ihnen wachruft.
  3. Ent-Schuldung. Fragen Sie sich, was an der Situation diese Erinnerungen und Erfahrungen wachruft und was Ihr Gegenüber für diese Wahrnehmungen kann. Prüfen Sie, ob Ihre aus den Erinnerungen und Erfahrungen resultierende Bewertung noch Berechtigung hat – oder ob sie in früheren Situationen Berechtigung hatte, in der aktuellen aber anders ausfallen könnte.
  4. Erneute Beobachtung. Prüfen Sie die Bedürfnisse und (berechtigten) Erwartungen anderer an der Situation beteiligter Personen. Nehmen Sie eine wertschätzende Haltung gegenüber diesen Personen ein.
  5. Erzeugen von Vielfalt. Entwickeln Sie eine Vielfalt von möglichen Reaktionen auf die gegenwärtige Situation. Reaktionen, die sie aufgrund Ihrer bisherigen Wahrnehmungsroutine wahrscheinlich nicht unbedingt in Betracht gezogen hätten…

Üben, Reflektieren, Auszeiten gönnen

Wenn Sie zur Einsicht gelangen, dass mehr Achtsamkeit Ihnen und Ihrem Umgang mit herausfordernden Situationen gut täte, dann wäre es hilfreich, diese Art der nicht-wertenden Wahrnehmung ganz einfach regelmäßig zu üben. Suchen Sie sich Zeitfenster für einen Bodyscan oder für eine Atemübung, starten Sie mit einer oder fünf Minuten. So bringen Sie einen Unterschied in den hektischen Alltag, und können in der Flut von E-Mails und Meetings leichter den Kopf oben halten.

Noch besser, um achtsame Praktiken im Alltagsleben zu verankern, sind kleine oder größere Auszeiten, in denen sich neue Wahrnehmungsroutinen setzen können – denn nur allzu oft gelingt es im hektischen Alltag nicht, wichtige Achtsamkeitsroutinen dauerhaft zu verankern, weil immer „etwas anderes wichtiger ist“. Nicolas Brackmann, Director Group Sales & Key Account Management der Randstad Gruppe Deutschland, hob kürzlich in einem lesenswerten Interview die Wichtigkeit solcher Auszeiten hervor. Er betont, wie wichtig es ist, nicht nur lange Urlaube zu planen, sondern auch im Alltag „kleine Inseln“ der Erholung zu schaffen. Diese dienen nicht nur der Erholung, sondern auch als Gelegenheiten, um Energie zu sammeln und die Perspektive zu wechseln.

Meine einwöchigen Coaching-Retreats bieten Ihnen den idealen Rahmen, um zu lernen, wie Sie bewusster wahrnehmen, um ihre eigene Führungsrolle umfassend zu betrachten und um Stressbewältigungsstrategien zu entwickeln, mit denen Sie für sich sorgen können. Denn Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in Ihre Führungsqualität und persönliche Widerstandsfähigkeit. Indem Sie sich den Raum und die Zeit geben, um Ihre persönlichen Stressoren zu analysieren, Umgangsstrategien damit zu entwickeln, den Blick wieder auf das Wesentliche zu richten und sich auf Ihre Ziele auszurichten, sammeln Sie Ihre Energien und können sich wieder klarer auf das Hier und Jetzt konzentrieren.

Die Integration von Achtsamkeit und bewusster Wahrnehmung in das tägliche Leben einer Führungskraft spielt eine wesentliche Rolle, um auf lange Sicht sowohl ihre eigene Resilienz als auch die ihrer Teams zu stärken. Durch gezielte Auszeiten, idealerweise mit Unterstützung durch eine/n Coach, können Führungskräfte lernen, ihre eigenen Wahrnehmungen zu hinterfragen und ihre Reaktionen auf Stressoren langfristig zielorientierter zu gestalten.

Zum Weiterlesen:

Arnold, R. (2023): Wie man frisch beobachtet, um neu wahrzugeben. 29 Regeln der Achtsamkeit. Heidelberg: Carl Auer

Essen, S. (2021): Metanoia – sich selbst und die Welt neu denken. Eine Anleitung zum Bewusstseinswandel. Heidelberg: Carl Auer

Harrer, M. & Weiss, H. (2016): Wirkfaktoren der Achtsamkeit – wie sie die Psychotherapie verändern und bereichern. Stuttgart: Schattauer

Kahneman, D. (2012):  Schnelles Denken, langsames Denken. München: Penguin Random House

Dies ist der Beitrag 7 rund um Übergänge, Perspektivwechsel und Coaching. Im nächsten Beitrag geht es um das Altern als Entwicklungsaufgabe und wie es als Chance für persönliches Wachstum genutzt werden kann.