Entscheidung treffen unter Unsicherheit: Eine Selbstcoaching-Methode für mehr Resilienz
Entscheidungen treffen unter Unsicherheit gehört zu den größten Herausforderungen im beruflichen und privaten Alltag. Häufig fehlen vollständige Informationen, Entwicklungen sind schwer vorhersehbar und mehrere Optionen erscheinen gleichzeitig plausibel. Gerade in solchen Situationen zeigt sich eine zentrale Kompetenz resilienter Menschen: die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben und tragfähige Entscheidungen zu treffen.
Dieser Beitrag stellt eine einfache Selbstcoaching-Methode vor, mit der Sie Ihre Gedanken strukturieren, Perspektiven klären und Entscheidungen reflektierter treffen können – allein, im Team oder als Führungskraft.
Entscheidungen treffen unter Unsicherheit strukturiert reflektieren
Kurze Einordnung:
In komplexen Situationen stehen Menschen oft vor Entscheidungen, bei denen nicht alle Konsequenzen absehbar sind. In der Entscheidungsforschung wird eine solche Situation als Entscheidung unter Unsicherheit bezeichnet – mögliche Entwicklungen sind zwar denkbar, ihre Eintrittswahrscheinlichkeiten lassen sich jedoch nicht zuverlässig bestimmen.
Eine hilfreiche Strategie besteht darin, die eigene Entscheidung bewusst zu reflektieren und verschiedene Perspektiven systematisch einzubeziehen.
Entscheidung zur Anpassung Ihrer Ziele
Passen Ihre mittel- und langfristigen Ziele noch? Vielleicht sind Ziele weggefallen, neue Ziele dazugekommen, oder es haben sich die Umstände auf Ihrem Weg zum Ziel verändert. Unsere Ziele bestimmen, welche Prioritäten wir setzen. Sind Sie sich also über Ihre Ziele im Klaren, fällt es viel leichter, Ihre Entscheidungen nach Prioritäten auszurichten. Wenn Sie sich entscheiden wollen, ob Sie nun A oder B tun sollten, können Sie lange in zermürbenden Denkschleifen hängenbleiben und alle Vor- und Nachteile jeder Entscheidung durchkauen. Oder Sie treten einen Schritt zurück und prüfen aus der Vogelperspektive, welcher Schritt Sie eher in die Richtung Ihres Ziels führt. Auch dieser Schritt wird vielleicht neben Vorteilen auch Nachteile mit sich bringen – aber Sie wissen, dass Sie im Großen und Ganzen auf dem richtigen Weg sind.
So angenehm und einfach klare Ziele unser Leben aber auch machen: Es ist sinnvoll, sie immer wieder zu prüfen. Zum Beispiel an regelmäßig wiederkehrenden fixen Terminen (wie dem Jahreswechsel), oder bei einschneidenden Lebensereignissen (zum Beispiel Jobwechsel, Krankheit, Veränderungen der Lebenssituation). Denn wenn das Ziel nicht mehr zu Ihnen und Ihrem Leben passt, bringt es nichts, starr und unflexibel daran festzuhalten. Dann ist es an der Zeit für eine weitere Entscheidung: die Entscheidung, sich der Veränderung anzupassen und Ihre Ziele neu zu sortieren.
Warum es so schwer ist, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen
Es mag im ersten Augenblick entmutigend klingen, dass auch langfristige Ziele nie in Stein gemeißelt sind. Wozu wägen wir denn dann alles ab, machen uns Pro-und-Contra-Listen, prüfen unsere Wertevorstellungen, entwerfen unsere Vision – wenn dann Ereignisse, die wir nicht beeinflussen können, plötzlich alles über den Haufen werfen? Aber behalten Sie dabei im Kopf: Alles, was wir tun oder lassen, beruht auf einer persönlichen Entscheidung. Man kann sich nicht nicht entscheiden: Wer „einfach nichts tut“ oder einmal eingeschlagene Wege um keinen Preis verlässt, der entscheidet sich auch für etwas. In diesem Fall vielleicht dafür, eine Chance verstreichen zu lassen oder immer wieder vor denselben Entscheidungen zu stehen ohne weiterzukommen. Und: Wenn Sie sich bewusst für oder gegen etwas entscheiden, dann ist genau diese Entscheidung in genau diesem Moment auch die richtige – egal, welche Folgen sie nach sich zieht. Vielleicht hat eine Entscheidungen Auswirkungen, die Sie nicht bedacht haben und so auch gar nicht gewollt haben? Das ändert nichts daran, dass Ihre Entscheidung in dem Moment, in dem Sie sie getroffen haben, für Sie und die Situation genau die richtige war! Bereuen Sie früher getroffene Entscheidung nicht, sondern machen Sie sich bewusst, dass Sie jederzeit frei sind, sie zu ändern und den neuen Umständen anzupassen. Denn genauso, wie eine Entscheidung unter den früheren Umständen richtig gewesen sein kann, kann sie sich unter den jetzigen Umständen als falsch erweisen und eine andere Entscheidung ist dann besser.
Selbstcoaching-Methode: Entscheidungen strukturiert treffen
Die folgenden Fragen unterstützen Sie dabei, Ihre Entscheidungsoptionen strukturiert zu betrachten. Sie können diese Fragen für persönliche Entscheidungen nutzen – ebenso in Führungsrollen oder in Teams, um unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen.
Unter Unsicherheit und sich ständig ändernden Lebensbedingungen ist es eine gute Option, entscheidungsflexibel zu bleiben und unsere Entscheidungen immer wieder anzupassen. Wie können Sie nun aber eine Entscheidung so treffen, dass Sie damit gut leben können? Eine Möglichkeit ist es, sich dafür mit Ihrem inneren Team zu beraten. Ich nutze für die Repräsentation der verschiedenen inneren Team-Mitglieder oft Tier-Metaphern. Wenn also bei Ihnen eine Entscheidung ansteht, dann führen Sie die folgenden Schritte durch.
5 Fragen, um schwierige Entscheidungen zu treffen
Frage 1 – Was spricht für diese Entscheidung?
Denken Sie an die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten, die Sie ergreifen könnten. Denken Sie an eine davon und wählen Sie dabei drei Tiere aus der Liste im Bild aus; notieren Sie diese Tiere.
Frage 2 – Was spricht dagegen?
Nun denken Sie an die andere Entscheidungsalternative und wählen auch dabei drei Tiere aus der Liste.
Frage 3 – Welche Qualitäten werden Ihnen bewusst?
Konzentrieren Sie sich nacheinander auf die sechs Tiere und notieren Sie zu jedem Tier drei Eigenschaften oder Verhaltensweisen (was Sie subjektiv mit dem Tier verbinden). Denken Sie bei diesem Schritt möglichst nur an das Tier, nicht an Ihre Entscheidung.
Frage 4 – Was bedeuten diese Qualitäten für Ihre Entscheidung?
Übertragen Sie jetzt erst die Eigenschaften auf Ihre persönliche Situation. Was bedeutet diese tierische Eigenschaft, übertragen auf Ihre Entscheidungssituation?
Frage 5 – Welche Option ist attraktiver?
Wägen Sie noch einmal ab. Welche Seite zieht Sie an, welche fühlt sich für Sie attraktiver an?
Wenn Sie sich entschieden haben: Vertrauen Sie auf sich und Ihre Entscheidung und trauen Sie sich, zu ihr zu stehen!
Mir hat diese Methode geholfen, mich emotional von einem großen Projekt zu verabschieden. Durch die konsequent Umsetzung meiner Entscheidung habe ich mir Freiräume verschafft, was zu mehr Lebensqualität und Zufriedenheit für mich führte.
Dieser Tipp stammt aus meinem Buch „So bin ich stark. Gut aufgestellt mit dem inneren Team“, das Sie bei meinen Publikationen bestellen können. Weitere hilfreiche Literatur zur Entscheidungsfindung ist z.B. das Buch von Storch, M. (2003): Das Geheimnis kluger Entscheidungen. München: Wilhelm Goldmann Verlag.
Warum diese Methode Ihre Resilienz stärkt
Resilienz bedeutet nicht, immer alle Antworten zu kennen. Vielmehr beschreibt sie die Fähigkeit, auch unter unklaren Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Menschen mit hoher Resilienz treffen Entscheidungen, obwohl Informationen unvollständig sind. Sie akzeptieren Unsicherheit als Bestandteil komplexer Situationen und entwickeln Strategien, um dennoch handlungsfähig zu bleiben.
Diese Fähigkeit ist nicht nur für individuelle Resilienz relevant. Auch Teams und Organisationen profitieren davon, wenn Entscheidungen reflektiert, transparent und verantwortungsbewusst getroffen werden.
Anwendung in Führung und Teamarbeit
Die vorgestellte Selbstcoaching-Methode eignet sich nicht nur für persönliche Entscheidungen. Führungskräfte können sie auch im Team einsetzen, beispielsweise
- in Entscheidungsworkshops
- in Projektteams
- bei strategischen Diskussionen
Die strukturierte Reflexion unterstützt Teams dabei, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen und Entscheidungen nachvollziehbarer zu treffen.
Die Fähigkeit, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, gehört zu den zentralen Kompetenzen resilienter Menschen und Organisationen.
In meinen Trainings, Workshops und Coachings arbeite ich regelmäßig mit solchen Reflexionsmethoden, um Führungskräfte und Teams dabei zu unterstützen, klarer zu entscheiden, Unsicherheit konstruktiv zu nutzen und ihre Resilienz nachhaltig zu stärken.




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