Resiliente Strategien im Umgang mit Digitalisierung

Digitalisierung und die digitale Transformation sind in aller Munde. Wer genauer hinsieht, findet dahinter eine Vielzahl von Bedeutungen: Einsatz von Robotern, algorithmenbasierte Systeme, papierloses Büro – bis hin zu der Angabe, das “Erstellen der Webpräsenz für das Unternehmen” werden als digitale Transformation angesehen. Letzteres antworten immerhin 3% von fast 600 befragten ArbeitnehmerInnen (Digitale Transformation – Was soll das sein?, in: managerSeminare, Heft 259, 2019, S. 7). Tatsächlich umfasst die Digitalisierung von Unternehmen, die einer digitalen Transformation zugrunde liegt, eine kaum mehr überschaubare Vielzahl von Bereichen, die unsere Art und Weise zu arbeiten beeinflussen. Da sind beispielsweise Apps, die ein Arbeiten auch vom Handy oder Tablet aus jederzeit erlauben; Roboter, die beim Heben von PatientInnen in Krankenhäusern unterstützen; Chatbots, die den Kundenservice übernehmen… die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Womit sich dieser Beitrag im Folgenden beschäftigt, ist Digitalisierung im Sinne eines

“gesellschaftlichen Prozesses, der den massiven Einsatz von Digitaltechnologien in unserem (beruflichen) Alltag beschreibt, der zu einem Wandel der Funktionsweise von Gesellschaft, Arbeit und Wirtschaft beiträgt.”

Digitalisierung wirkt sich also nicht nur darauf aus, wie wir unseren Arbeitsprozess gestalten. Vielmehr geht sie auch mit Veränderungen in der Gesellschaft, im zwischenmenschlichen Umgang und im psychischen Erleben jedes Menschen einher.

Digitalisierung: Was bedeutet sie für Mitarbeitende?

Digitalisierung bietet viele Chancen, kann sie doch Abläufe automatisieren, vereinfachen und bislang langwierige und komplizierte Arbeiten benutzerfreundlicher machen. Gleichzeitig kann sie aber auch zu Stress führen, wenn sie mehr als Belastung und Mehraufwand empfunden wird denn als Unterstützung der persönlichen Arbeitsleistung. Eine groß angelegte Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung kam dieses Jahr zu dem alarmierenden Schluss: Jeder 3. Arbeitnehmende fühlt sich belastet durch digitale Technologien und Medien, jeder 5. fühlt sich davon gestresst (Gesund digital arbeiten?!, online: https://gesund-digital-arbeiten.de/, abgerufen am 05.11.2019). Die Studie untersuchte 12 Belastungsfaktoren der digitalen Arbeit, die bei durchschnittlichen (Wissens-)ArbeitnehmerInnen auftreten. Jede/r dritte Befragte empfindet eine starke bis sehr starke Belastung in mindestens einem der Faktoren:

Leistungsüberwachung
Unterbrechungen
Nichtverfügbarkeit (der Technologien)
Gläserne Person
Überflutung
Unklahrheit der Rolle
Unzuverlässigkeit
Unsicherheit
Komplexität
Omnipräsenz
Jobunsicherheit
Mangelndes Erfolgserlebnis

Durch digitale Belastung und daraus resultierendem digitalem Stress können Folgen entstehen, die Unternehmen durch Arbeitsausfall, Krankheit etc. viel kosten. Beispielsweise verursacht digitaler Stress oft Erschöpfung, kognitive und emotionale Irritation und Beeinträchtigungen des allgemeinen Gesundheitszustandes. Tatsächlich ist es auch nicht nur das persönliche (Einzel-)Erleben, das sich durch die Digitalisierung ändert. Auch die Zusammenarbeit mit den Team-Mitgliedern oder mit anderen Teams ändert sich; Prozesse und Produkte im Unternehmen wandeln sich kontinuierlich und in immer höherer Frequenz.

Die steigende Belastung durch digitalen Stress führt zu einer präventiven Schutzhaltung, mit der Mitarbeitende versuchen sich von den Auswirkungen der Digitalisierung abzugrenzen. Ständig wird die (digitale) Umgebung überprüft, ob “Gefahren” bestehen oder ob sie augenblicklich sicher ist. Der Mechanismus ist im menschlichen Gehirn evolutionär angelegt: die ständige Bereitschaft Gefahren zu erkennen war überlebensnotwendig, um im richtigen Moment den “Fight-” oder “Flight-“Reflex zu aktivieren. Was jedoch diese Haltung der ständigen Anspannung angesichts einer ständig sich ändernden, nicht deutbaren Umwelt verursacht, ist: zusätzlicher, selbst gemachter Stress.

Wie der Digitalisierung begegnen?

Digitalisierung bietet unzweifelhaft unschätzbare, oft vital notwendige Vorteile für Unternehmen. Deswegen braucht es einen Umgang mit ihren Herausforderungen, der Menschen und Unternehmen gleichermaßen nützt. Damit meine ich nicht einen spezifischen, regulierten Umgang mit einzelnen Technologien, sondern eine resiliente Haltung:

Stabilisierung nach innen, Flexibilität im Handeln nach außen.

Wir können den immer neuen digitalen Änderungen nur dann gelassen begegnen, wenn wir dabei sicheren Boden unter den Füßen fühlen. Eine solche Sicherheit gibt die innere Gewissheit über eigene Ziele und Werte. Grundlegende Fragen, die sich jede/r stellt, sollten individuell beantwortbar sein: Wer bin ich? Was ist mir wichtig? Wie will ich leben und arbeiten?

Sind diese grundlegenden persönlichen Fragen erst einmal für sich beantwortet und Wege dafür gefunden, entsteht eine innere Stabilität, die sich in Widerstandskraft für äußere Belastungen ausdrückt. Von stabilem Grund aus fallen Entscheidungen über Nutzung und Akzeptanz neuer Technologien und der Veränderungen im Arbeitsverhalten, die sie mit sich bringen, leichter. Das Stresserleben sinkt. Ein Gefühl der Sicherheit wird geschaffen durch das Vertrauen sowohl in die eigene Leistung als auch in die wohlwollende Reaktion von KollegInnen und Vorgesetzten, auch bei Fehlern oder Rückschlägen im Umgang mit neuen Technologien.

Daraus folgt auch: Innere Stabilität erlaubt Flexibilität im Handeln, denn Handeln beinhaltet immer auch die Möglichkeit von Fehlern oder Scheitern. Wer sich nicht sicher genug fühlt, um auch Fehler zu machen, der erstarrt und verliert Flexibilität. Diese Flexibilität aber ist extrem wichtig, denn die digitale Transformation ist so komplex, dass zuverlässige Voraussagen und Planungen unmöglich werden. Sie fordert Flexibilität von allen Unternehmensmitgliedern, um loszulassen statt festzuhalten und gleichzeitig zuzulassen statt abzuwehren. Loslassen fixer Vorstellungen, wie etwas ablaufen soll, wie “arbeiten” aussieht, Loslassen von starren Zielen und Urteilen. Und Zulassen von Neuem, auch wenn dieses Neue Ängste und Unsicherheit auslöst, von chaotischen unlogischen Herausforderungen, die sich vielleicht nur durch trial & error lösen lassen.

Strategien für den Umgang mit digitalem Stress

Eine resiliente Haltung der Stabilisierung nach innen und Flexibilität im Handeln nach außen basiert auf der Verinnerlichung und einem konsequenten Einsatz der 7 Resilienzschlüssel. Sie greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig. Resilientes Handeln umfasst nämlich nicht nur die Kenntnis einzelner Verhaltensweisen, mit denen wir digitalem Stress begegnen können. Es umfasst auch die Fähigkeit, Stress und Belastung und seine Auswirkungen zu bewerten und gezielt auf genau diejenigen Ressourcen zurückzugreifen, die im jeweiligen Moment am zielführendsten sind. Strategien zur Resilienzentwicklung werden deswegen am besten präventiv angewandt, denn dann haben sich neue, resiliente Routinen wahrscheinlich schon entwickelt, wenn es zur akuten Stresssituation kommt.

Mit gezielten Interventionen können die Ressourcen gestärkt werden, so dass digitaler Stress nicht entsteht oder wieder verringert werden kann – viele Anregungen für einzelne Interventionen finden Sie unter anderem in meinem Resilienz-ABC oder in meinen Büchern. In der eingangs bereits erwähnten Studie fanden sich als Beispiele für häufig angewandte Verhaltensweisen im Umgang mit digitaler Belastung:

  • Die Dinge von einer positiveren Seite sehen
  • Aktiv handeln, um die Situation zu verbessern
  • Die Dinge mit Humor nehmen
  • Sich einen Plan überlegen
  • Lernen mit der Situation zu leben

Alle diese Verhaltensweisen sind sinnvoll bei digitalem Stress. Aber sie verpuffen schnell, wenn sie jeweils nur in Akutsituationen angewendet werden. Nachhaltig wirken Verhaltensstrategien erst im Zusammenspiel mit einem tieferen Verständnis der Wirkmechanismen von Belastungen und Stress, von individuellen Ressourcen und persönlicher Entwicklung. Entscheidend ist daneben die Vermittlung und Anwendung solcher Coping-Verhaltensweisen auf verschiedenen neuronalen Ebenen, damit sie sich in einer Verhaltensänderung niederschlagen: Reines Wissen führt noch nicht zu einer Änderung des Erlebens. Neben der rationalen Ebene muss das Erleben einer funktionierenden Coping-Strategie auch in der sozialen und emotionalen Gehirn-Ebene verankert werden (weiterführend hierzu: Roth, G. & Ryba, A. (2016). Coaching, Beratung und Gehirn, Stuttgart: Klett Cotta, S. 129ff).

Digitale Transformation: auf technischer und menschlicher Ebene

Den meisten Unternehmen ist klar, dass sie viel Energie in ihre eigene, digitale Transformation stecken müssen um zu überleben und zu gedeihen. Der große Einfluss jedoch, den die Digitalisierung auf uns Menschen und unser Erleben im Arbeitsumfeld hat, wird oft noch nicht ernst genug genommen. Genauso viel Energie wie für die Implementierung und Änderung der Technologien sollte auch dafür verwandt werden, Mitarbeitenden und Führungskräften im Unternehmen einen gesunden Umgang mit ihnen (und auch mit sich selbst) zu ermöglichen. Einen Anstoß dafür kann ein Vortrag oder ein Workshop geben – fragen Sie mich gerne direkt dafür an.

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.