Scheitern ist eine Frage der Bewertung
Wer Handlungsmacht hat, trägt Verantwortung, denn ein Team kann nur so gut sein wie seine Führungskraft. Deswegen übernimmt eine echte Führungskraft die Verantwortung für schlechte Ergebnisse eines Projekts, überlässt den Erfolg bei guten Ergebnissen aber dem Team. Verantwortungsübernahme beim Scheitern eines Projekts heißt aber nicht, dass Sie sich selbst die Schuld am Scheitern geben müssen. Vielmehr bedeutet es, gemeinsam so mit der Situation umzugehen, dass alle aus der Erfahrung lernen und sich nicht von der Angst vor neuerlichem Scheitern lähmen lassen.
Um einen guten Umgang mit Scheitern vorzuleben, braucht es Selbstreflexion. Sind Sie gescheitert? Oder ist es das Projekt, das gescheitert ist? Achtung: Auch in zweiterem Fall schieben Sie nicht jemand anderem die Schuld in die Schuhe, sondern Sie übernehmen Verantwortung für das Ergebnis! Aber wer Verhalten und Identität trennen kann, kann konstruktiver mit der Situation umgehen und schneller von einer Außenperspektive draufblicken – eine der drei Analyseebenen, um mit Scheitern besser umzugehen. Darauf werde ich später noch eingehen.
Scheitern, ob im beruflichen oder privaten Leben, wird als Differenz zum gelungenen Leben empfunden. Deswegen sind viele „Erfolgs“-Geschichten von Scheitern, die öffentlichkeitswirksam erzählt werden, problematisch. Sie beinhalten bereits den Kontext eines Neuanfangs, meist erfolgreicher als vorher, und werden unter der Prämisse erzählt, dass „ich ohne dieses Scheitern nie geschafft hätte, was ich heute geschafft habe“. Meist werden auch die Geschichten in den mittlerweile sehr beliebten „FuckUp-Nights“ so geframt. Im Moment des Scheiterns bewerten wir die Situation aber nicht so. Wir erleben im diesem Moment keine Chance, die in diesem Scheitern steckt, sondern eine Niederlage, und können uns keine erfolgreichere Zukunft aus dem Scheitern heraus vorstellen. Und genau in diesem Moment ist es für einen späteren gelingenden Umgang mit dem Scheitern extrem wichtig, stehenzubleiben, innezuhalten und Raum für Reflexion zu finden. Leider ist Stehenbleiben aber noch immer gesellschaftlich negativ konnotiert – lieber kopflos weiter nach vorne stürmen, statt zu überlegen, wo es eigentlich hin hingehen soll. Dabei brauchen wir diesen Reflexionsraum, um uns über die eigene Verantwortung an einem Ergebnis klarzuwerden, um eine Trennung von Situation und Identität herzustellen.