Vom Wollen und Können
Es ging bisher viel darum, wie der Willen zur Veränderung, also die Veränderungsbereitschaft, gestärkt werden kann. Wie aber sieht es aus, wenn wir Veränderungsfähigkeit stärken wollen, also das „sich verändern können“? Neurobiologisch lässt sich sagen, dass sich bereits im Teenageralter eine eigene Persönlichkeit bildet, die wir nur noch verändern können, wenn sowohl ein Veränderungswunsch besteht als auch ein geeigneter Weg dafür gewählt wird. Gerhard Roth erklärt in seinem Standardwerk „Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern“, dass die Persönlichkeit sich auf vier unterschiedlichen Ebenen entwickelt: dem unteren, mittleren und oberen limbischen Ebene und der sprachlich-kognitiven Ebene. Ganz kurz zusammengefasst sind auf der untere limbische Ebene die lebenserhaltenden Systeme und unser „Grundtemperament“ angesiedelt, auf der mittleren limbische Ebene die frühkindlichen Bindungserfahrungen, auf der oberen limbischen Ebene die spätere gesellschaftliche Sozialisation und die sprachlich-kognitive Ebene ist für die Kommunikation und Selbstdarstellung zuständig.
Die sprachlich-kognitive Ebene ist zwar am einfachsten zugänglich, zugleich beeinflusst sie aber auch am wenigsten unser Verhalten. Das ist unmittelbar einsichtig: Bei Appellen und Aufforderungen von außen entscheiden wir schließlich ziemlich bewusst, ob wir ihnen nachkommen oder nicht. Deswegen ist es schwierig bis unmöglich, Änderungen zu erreichen, wenn wir uns selbst nur mit dieser Ebene beschäftigen. Sich etwas vorzunehmen gelingt nur dann, wenn auch die tieferen Ebenen angesprochen werden: Mit Emotionen, Motiven und unseren Bedürfnissen.
Ängste und Befürchtungen, die uns daran hindern, etwas zu ändern (und oft auch eher undifferenzierten Widerstand gegen die neu eingeschlagene Richtung in uns auslösen) basieren oft auf unseren Bedürfnissen. Es erfordert genaues Hinsehen und Hinspüren und die richtigen Fragen, um die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, die wir mit unseren Entscheidungen und unserem Verhalten zu erfüllen versuchen. Im Umgang mit Ihren Bedürfnissen geht es dann darum, wahrzunehmen, welchen Pol Ihres Bedürfnisses Sie stärker entwickelt haben und wie es Ihnen gelingt, das Bedürfnis zu leben und umzusetzen: