Forschung zu Resilienz in der (Neuro-)Biologie
Als europaweit erstes Zentrum seiner Art wurde 2014 das Deutsche Resilienz-Zentrum DRZ gegründet. In der fachübergreifenden Einrichtung arbeiten Neurowissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler mit dem Ziel zusammen, Resilienzmechanismen neurowissenschaftlich zu verstehen, Präventionsstrategien zu entwickeln und darauf hinzuwirken, Lebensumfelder resilienzstärkend zu verändern. In einem jährlichen Resilienz-Symposium tragen Forschergruppen weltweit die neuen Ergebnisse zur Neurobiologie der Resilienz zusammen. Aktuell führt das Mainzer Resilienz Projekt (MARP) um Prof. Dr. Kalisch eine mehrjährige Studie durch, in der Resilienzfaktoren in einer Gruppe junger Menschen im schwierigen Lebensalter zwischen Adoleszenz und Erwachsenenleben durch bildgebende Verfahren und Verhaltensstudien erforscht werden. Prof. Dr. Kalisch geht in seiner Resilienztheorie PASTOR davon aus, dass vor allem ein positiver Bewertungsstil zu geringerem Stresserleben führt. Er nutzt dafür eine Verbindung von Ergebnissen aus Hirnforschung und psycho-sozialer Forschung.
Biologische und neurobiologische Forschung beschäftigt sich beispielsweise mit Zellveränderungen im Gehirn oder mit Hormonen. So scheint unter anderem das Hormon Cortisol eine große Rolle dabei zu spielen, wie stressresistent und psychisch widerstandsfähig wir uns entwickeln: Bei Ratten wurde nachgewiesen, dass ein permanent erhöhter Cortisolspiegel ein wesentlich größeres Stressempfinden nach sich zieht als in einer Vergleichsgruppe mit „normalem“ Cortisolspiegel. Auch Gene wurden identifiziert, die bestimmen, ob wir uns von negativen Ereignissen stark beeinflussen lassen oder nicht: Das Gen 5-HTT beeinflusst den Transport von Serotonin, einem Botenstoff in unserem Gehirn, der unsere Gefühlslage mitbestimmt. Menschen mit einer bestimmten Variante dieses Gens haben vereinfach gesagt „mehr Glücksbotenstoff im Gehirn“.
Die enge Verbindung zwischen unbewussten Körperprozessen und der Bewältigung von Anforderungen in sozialen Systemen ist Gegenstand der Polyvagaltheorie, die der Neurophysiologe Stephen Porges begründete. Er wies nach, dass der Körper durch sogenannte Neurozeption kontinuierlich die möglichen Gefahren der Umwelt einschätzt und durch Sympathikus- und Parasympathikus-Aktivität unsere Reaktion darauf beeinflusst. Die Kombination aus der wahrgenommenen Gefahren- bzw. Sicherheitssituation und der entsprechenden Aktivierung oder Demobilisation unseres Körpers löst verschiedene Zustände aus, mit denen der Mensch seinen Anforderungen begegnen kann – bekannt sind beispielsweise die Reaktionen „Angriff“ oder „Totstellen“ in Gefahrensituationen. Laut der Polyvagaltheorie können wir auch in sicheren Situationen entweder unsere Aktivität steigern (zur sozialen Interaktion) oder mindern (bei der Fürsorge und Beruhigung anderer Personen). Aber nur in einer als sicher wahrgenommenen Situation ist der Mensch in der Lage, seine Reaktion bewusst und absichtlich zu regulieren.