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Forschung zu Resilienz

Das Interesse an Forschung zu Resilienz begann mit der sogenannten Kauai-Studie von Emmy Werner, die von den 50er Jahren an in einer Langzeitstudie Resilienz untersuchte. Im Rahmen der Studie wurden die StudienteilnehmerInnen 40 Jahre lang begleitet, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. In ihrer Studie entdeckte Werner zahlreiche Faktoren, die nachweislich und zuverlässig die Resilienz beeinflussen.

Viele resilienzstärkende Faktoren können von Erwachsenen genauso trainiert werden wie von Kindern. Allerdings lag der Schwerpunkt anfangs vor allem auf relativ stabilen Persönlichkeitseigenschaften (“traits”) bzw. unveränderlichen Faktoren – wie der Status in der Geschwisterfolge oder die frühkindliche Umgebung im Elternhaus. Die aktuelle Forschung zu Resilienz im Erwachsenenalter konzentriert sich jedoch zunehmend auf schwankende, veränderliche Persönlichkeitszustände, die sogenannten “states” sowie mehr oder weniger bewusste Gewohnheiten und Verhaltensmuster (“habits”). States und Habits sind durch Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie beeinflussbar und trainierbar. Mit dem Fokus-Schwenk von traits zu states und habits gewinnt zunehmend auch die Erforschung der Person-Umwelt-Interaktion Bedeutung. Denn Resilienzfaktoren können zwar von jeder Person entwickelt werden, durch genetische Komponenten sind aber die Ausgangsvoraussetzungen bei verschiedenen Menschen durchaus unterschiedlich und verlangen unterschiedliche Herangehensweisen.

Noch jung ist die wissenschaftliche Forschung zu Organisationaler Resilienz. Organisationale Resilienz beschäftigt sich mit der Frage, wie Organisationen als Ganzes Sicherheit und Flexibilität gleichzeitig entwickeln können, um Krisen zu bewältigen. Die individuelle Resilienz der Organisationsmitglieder ist darin ein Baustein, jedoch umfasst die Entwicklung hin zu einer resilienten Unternehmenskultur noch wesentlich mehr (vgl. Heller 2018). Organisationale Resilienz entsteht vor allem durch die Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität im Unternehmen.

Forschung zu Resilienz in der Positiven Psychologie

Resilienz wird viel im Rahmen der Positiven Psychologie beforscht. Die Positive Psychologie fragt sich: „Wie kann das psychische Wohlbefinden eines Menschen erhöht werden?“, im Gegensatz zur ansonsten vorherrschenden Frage: „Wie kann das psychische Leiden eines Menschen vermindert werden?“. Vorreiter und Begründer der positiven Psychologie ist US-amerikanische Psychologe Martin Seligman. Seine Kollegin Karen Reivich und er entwickelten das „Penn Resilience Program“, ein Konzept, das zur Unterstützung für Lehrer und Schüler eingesetzt wurde und nun auch für das amerikanische Militär eingesetzt wird, um Posttraumatische Belastungsstörungen zu reduzieren. Grundlage dafür ist das Konzept von Reivich und ihrem Kollegen Andrew Shatté, das auf 7 Resilienzfaktoren basiert (vgl. Reivich & Shatté 2002). Die Faktoren können durch eine Änderung in den angelernten Denkmustern gestärkt werden. Zahlreiche Resilienzkonzepte individueller Resilienz wurden in Anlehnung an diese Resilienzfaktoren entwickelt.

Forschung zu Resilienz in der (Neuro-)Biologie

Als europaweit erstes Zentrum seiner Art wurde 2014 von der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) und ihrer Universitätsmedizin das Deutsche Resilienz-Zentrum DRZ gegründet. In der fachübergreifenden Einrichtung arbeiten Neurowissenschaftler, Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler mit dem Ziel zusammen, Resilienzmechanismen neurowissenschaftlich zu verstehen, darauf aufbauend mit Präventionsstrategien vorzubeugen und darauf hinzuwirken, Lebensumfelder so zu verändern, dass Resilienz gestärkt wird. In einem jährlichen Resilienz-Symposium tragen Forschergruppen weltweit die neuen Ergebnisse zur Neurobiologie der Resilienz zusammen. Aktuell wird vom Mainzer Resilienz Projekt (MARP) um Prof. Dr. Kalisch eine Studie durchgeführt, in der an einer Gruppe junger Menschen über mehrere Jahre Resilienzfaktoren im schwierigen Lebensalter zwischen Adoleszenz und Erwachsenenleben durch bildgebende Verfahren und Verhaltensstudien erforscht werden. Prof. Dr. Kalisch geht in seiner Resilienztheorie PASTOR davon aus, dass vor allem ein positiver Bewertungsstil zu geringerem Stresserleben führt. Er nutzt dafür eine Verbindung von Ergebnissen aus Hirnforschung und psycho-sozialer Forschung.

Biologische und neurobiologische Forschung beschäftigt sich beispielsweise mit Zellveränderungen im Gehirn, oder mit Hormonen. So scheint unter anderem das Hormon Cortisol eine große Rolle dabei zu spielen, wie stressresistent und psychisch widerstandsfähig wir und entwickeln: es wurde bei Ratten nachgewiesen, dass ein permanent erhöhter Cortisolspiegel ein wesentlich größeres Stressempfinden nach sich zieht als es eine Vergleichsgruppe mit „normalem“ Cortisolspiegel hat. Sogar Gene wurden identifiziert, die Einfluss darauf haben, ob wir uns von negativen Ereignissen stark beeinflussen lassen oder nicht: Das Gen 5-HTT beeinflusst den Transport von Serotonin, einem Botenstoff in unserem Gehirn, der unsere Gefühlslage mitbestimmt. Menschen mit einer bestimmten Variante dieses Gens haben – salopp gesagt – mehr Glücksbotenstoff im Gehirn als andere, wie zuletzt Humangenetiker der Universität Würzburg in Studien mehrfach nachweisen.

Die enge Verbindung von unbewussten Körperprozessen und der Bewältigung von Anforderungen in sozialen Systemen ist Gegenstand der Polyvagaltheorie, die der Neurophysiologe Stephen Porges begründet hat. Er wies nach, dass der Körper durch sogenannte Neurozeption kontinuierlich die möglichen Gefahren der Umwelt einschätzt und dann durch Sympathikus- und Parasympathikus-Aktivität unsere Reaktion darauf beeinflusst. Die Kombination aus wahrgenommener Gefahren – oder Sicherheits-Situation und darauffolgender Aktivierung oder Demobilisation unseres Körpers ergibt verschiedene Zustände, mit denen der Mensch seinen Anforderungen begegnen kann. Die Reaktionen “Angriff” oder “Totstellen” – d.h. völlige Demobilisation – bei Gefahrensituationen sind bekannt. Laut der Polyvagaltheorie können wir aber auch in sicheren Situationen entweder unsere Aktivität steigern (zur sozialen Interaktion) oder mindern – z.B. bei der Fürsorge und Beruhigung anderer Personen. Aber nur in einer als sicher wahrgenommenen Situation ist der Mensch in der Lage, seine Reaktion bewusst und absichtlich zu regulieren.

Arbeitsbezogene Forschung zu Resilienz

Da Organisationale Resilienz zunehmend in den Fokus rückt, beschäftigen sich einige Forschergruppen spezifisch mit Resilienz im Arbeitskontext. Das Projekt resilire erforscht in Kooperation mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, welches Verhalten die drei Basiskomponenten der Resilienz Achtsamkeit, Optimismus und Selbstwirksamkeit unterstützt. Das Projekt bezieht sich vor allem auf ältere ArbeitnehmerInnen um deren Verweildauer in Unternehmen zu verlängern.

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erforschte bis 2018 das Projekt “STÄRKE – starke Beschäftigte und starke Betriebe durch Resilienz” Bedingungen für individuelle und organisationale Resilienz. Im Mittelpunkt stand bei dem Projekt die Resilienz die Mikroperspektive, d. h. die Analyse und Entwicklung der individuellen Resilienz aus der Mitarbeiterperspektive. Die Resilienz der Individuen und der Firmen wird mithilfe von fünf Handlungsfeldern charakterisiert, deren Analysebasis das Modell der European Foundation for Quality Management (EFQM) ist.

Praktische Anwendung aus der Forschung zu Resilienz

Wie bei vielen anderen komplexen Persönlichkeitskonstrukten auch ist die Antwort darauf, wie Resilienz entsteht, nicht so einfach zu beantworten. Im Endeffekt ist es ein Zusammenwirken einer bestimmten Disposition und einer Vielzahl beeinflussbarer, externer und interner Faktoren, die „Resilienz“ entstehen lassen. Forschung kann immer nur einen sehr kleinen Ausschnitt aus dem Konzept betrachten, so dass die Herausforderung darin besteht, wissenschaftliche Ergebnisse anwendungsorientiert zusammenzufassen und umzusetzen. Aus diesem Anspruch heraus entstand beispielsweise ein Resilienztraining, in dem die TeilnehmerInnen zu den einzelnen Schlüsseln wissenschaftlich fundierte Übungen kennenlernen und in die Ziele für ihre Resilienzentwicklung integrieren. Da viele Resilienzschlüssel mit Einstellungsänderungen zu tun haben und Verhaltensänderungen kontinuierlich geübt werden müssen, werden die Trainingsteilnehmer auch nach dem Training noch über mehrere Monate in ihrer persönlichen Resilienzentwicklung durch eine Transferbegleitung unterstützt.

Weiterführende Literatur:

  • Berndt, C. (2013). Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. München: Dtv
  • Heller, J. (2018). 30 Minuten – Resilienz für Unternehmen. Offenbach: Gabal
  • Kalisch, R. (2017): Der resiliente Mensch. Berlin: Berlin Verlag
  • Lösel, F. & Bender, D. (1999). Von generellen Schutzfaktoren zu differentiellen protektiven Prozessen: Ergebnisse und Probleme der Resilienzforschung. In G. Opp, M. Fingerle & A. Freytag (Hrsg.), Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz (S. 37-58). München: Reinhardt.
  • Porges, S. (2017): Die Polyvagal-Theorie. Lichtenau: G.B. Probst
  • Reivich, K. & Shatté, A. (2002). The Resilience Factor. 7 Keys to finding your inner strength and overcoming life’s hurdles. New York: Broadway Books.
  • Werner, E. E. & Smith, R. S. (1982). Vulnerable but invincible: A longitudinal study of resilient children and youth. New York: McGraw Hill.

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