Ungewissheitstoleranz - viele Wege ins Ungewisse

Ungewissheitstoleranz

Ungewissheitstoleranz ist die menschliche Fähigkeit, Mehr- und Vieldeutigkeit von Situationen als Bereicherung zu empfinden anstatt als Bedrohung. Sie wird auch Ambiguitätstoleranz genannt, was sie als Resilienzschlüssel für das Zurechtkommen in der VUKA-Welt (Volatil, Unsicher, Komplex und Ambigue) prädestiniert. Eine ungewissheitstolerante Person hält Widersprüche aus, erträgt Ungewissheiten und lässt andere Sichtweisen gelten.

Mit komplexen Situationen, deren Ausgang unsicher ist, können Menschen mit hoher Ungewissheitstoleranz also besser umgehen – oder sie zumindest besser aushalten. Sie orientieren sich weniger an der Meinung von ExpertInnen, sondern eher an ihrer eigenen und treffen unabhängiger Entscheidungen. Deswegen fällt es ihnen aber auch schwerer als anderen, sich in stark strukturierten Umgebungen mit festen Vorgaben einzufügen.

Eine typische Aussage für den Resilienzschlüssel Ungewissheitstoleranz ist:

„Ich fühle mich wohl, auch wenn der Ausgang einer Situation völlig ungewiss ist.“

Interventionen zur Förderung von Ungewissheitstoleranz

Widersprüchliche Qualitäten fördern Ungewissheitstoleranz

© Jutta Heller

Im heutigen Arbeitsumfeld sind die meisten Situationen komplex und erfordern Ungewissheitstoleranz. Ideal ist es daher, widersprüchliche Qualitäten zu entwickeln: das steigert das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in allen möglichen Situationen flexibel reagieren zu können. Die Übung „Widersprüchliche Qualitäten“ macht das bewusst: Eine Tabelle (siehe Bild) mit persönlichen Qualitäten und ihren Gegen-Qualitäten erstellen und jeweils bewerten, wie die Qualität und ihre Gegen-Qualität ausgeprägt sind. Werden viele Zickzack-Ausschläge festgestellt, stellt sich die Frage: Welche Qualitäten möchte ich noch stärker entwickeln, um je nach Bedarf flexibler denken und handeln zu können?

In ungewissen Situationen braucht es auch die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und die Situation aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Deswegen sind Interventionen sinnvoll, die den verschiedenen inneren Anteilen Raum geben, beispielsweise mit Tiermetaphern. Die verschiedenen widersprüchlichen Empfindungen werden durch Tiere greifbar gemacht, deren Charakteristika herausgearbeitet werden. Im Anschluss werden die Werte und Qualitäten der einzelnen Tiere definiert, die in der Situation von Nutzen sind (z.B. sehr verkürzt: „Meine Nervosität fühlt sich an wie eine wuselige Kakerlake. Kakerlaken charakterisieren sich durch Schnelligkeit, aber auch dadurch, dass sie unverwüstlich sind. Meiner Nervosität wohnt also auch inne, dass mich nichts kaputt machen kann.“)

Um in konkreten Situationen handlungsfähig trotz Ungewissheit zu sein, sollten wir genau die Situation analysieren. Im Effectuation-Ansatz wurden dazu viele Instrumente entwickelt. Folgende Leitfragen für ein Ungewissheits-Profiling (Handout von effectuation intelligence) haben sich bewährt:

Planbarkeit der Zukunft:

  • Was ändert sich?
  • Was genau bestimmt die Zukunft?
  • Was ist vorhersehbar?
  • Was ist unvorhersehbar?
  • Was müsste sein, damit die Zukunft planbar wird?
  • Wie viele Szenarien sind denkbar/möglich und welche sind das?

Verhandelbarkeit der Ziele:

  • Welche Zielvorstellungen gibt es und von wem?
  • Wie spezifisch werden Zielvorstellungen formuliert?
  • Welcher Stakeholder hat welchen Einfluss?
  • In welchen Bereichen wird Zielflexibilität formuliert?
  • Welche verschiedenen Rollen hat der Auftraggeber zu erfüllen?
  • Wo bestehen welche Zielkonflikte?

Eindeutigkeit der Information:

  • Was sagen die Stakeholder?
  • Wo bestehen welche Widersprüche?
  • Wie beschreiben die anderen die Situation?
  • Was sollte jetzt getan werden?

Geschwindigkeit von Veränderung:

  • Wie schnell ändern sich die Rahmenbedingungen?
  • Hat die Veränderungsgeschwindigkeit sich in letzter Zeit verändert?
  • Welche Bedeutung hat die Veränderungsgeschwindigkeit für den Auftraggeber?
  • Sind ausreichend Ressourcen vorhanden, um sich den Veränderungen rechtzeitig
  • anzupassen?

Ausmaß von Komplexität:

  • Wie gut lässt sich modellieren, wie sich das System verhält (reagiert, funktioniert)?
  • Ist die Anwendung von Best Practices oder Good Practices noch möglich?
  • Welche Bedeutung hat Komplexität für den Auftraggeber?
  • Sind ausreichend Ressourcen für Komplexitätsreduktion vorhanden?
  • Sind Stakeholder bereit Komplexität zu akzeptieren?

Weiterführende Literatur zu Ungewissheitstoleranz:

  • Amann, E. & Alkenbrecher, F. (2015). Das Sowohl-als-auch-Prinzip. Berlin: Pro Business
  • Dalbert, C. (1999). Die Ungewißheitstoleranzskala: Skaleneigenschaften und Validierungsbefunde. In: Hallesche Berichte zur Pädagogischen Psychologie Nr. 1. Halle: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, FB Erziehungswissenschaften – Pädagogik.
  • Faschingauer, M. (2013). Effectuation. Wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln. Stuttgart: Schäffer Poeschel
  • Heller, J. (2018). So bin ich stark. München: Kösel
  • Viele Infos rund um Effectuation https://www.effectuation-intelligence.biz/wissen/

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