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Schutzfaktoren

Schutzfaktoren dienen der Kompensation von kritischen Situationen und verringern das Risiko von Krisen bei Mensch und Unternehmen. Wer persönlich und organisational also „gut aufgestellt“ ist, wird solche Herausforderungen gut meistern können. Während einige Faktoren für Einzelpersonen sowie Teams und Unternehmen gleichermaßen schützend wirken, gibt es auch verschiedene spezifische Schutzfaktoren, die nur für Individuen oder Teams oder Organisationen gelten.

In Forschungen und in der Literatur werden zahlreiche Schutzfaktoren – wir sprechen auch von Ressourcen – beschrieben. Für die individuelle Resilienz sind 7+3 Resilienzschlüssel bedeutsam; für Team-Resilienz kristallisieren sich 4 grundlegende Schutzfaktoren heraus. Auch die Resilienz-Modelle für organisationale Resilienz nutzen ein Set an ausgewählten Schutzfaktoren, die ISO-Norm zu organisationaler Resilienz identifiziert 9 Schlüsselelemente.

Die Erforschung von individuellen Schutzfaktoren

Individuelle Schutzfaktoren sind Eigenschaften und Merkmale, die Menschen in schwierigen Lebensphasen vor übergroßem Belastungserleben schützen und ihnen dabei helfen, Krisen und Herausforderungen besser zu bewältigen. In einer Überblicksarbeit zu Resilienz und psychologischen Schutzfaktoren im Erwachsenenalter untersuchten die Autoren Jürgen Bengel und Lisa Lyssenko rund 700 Quellen (vgl. Bengel & Lyssenko 2012). Ziel der Studie war es, diejenigen Schlüssel zu identifizieren, die für alle drei Bereiche – nämlich bei (1) Alltagsstressoren, (2) kritischen Lebensereignissen und bei (3) Traumata – statistisch als Schutzfaktoren bestätigt werden können. Bei den untersuchten Konzepten gelang das z.B. für:

  • Optimismus und positive Emotionen: Eine stabile regelmäßige Tendenz, den Fokus auf alltägliche positive Erlebnisse zu lenken. Dabei geht es weniger darum, eine „rosarote Brille“ zu tragen, sondern vielmehr um aktives Bewältigungsverhalten.
  • Selbstwirksamkeitserwartung: Sich seiner eigenen Kompetenzen bewusst sein und die Erwartung haben, Anforderungen aus eigener Kraft zu bewältigen.
  • Soziale Unterstützung: Zuwendung, Trost, Verständnis und Vermittlung eines Gefühls der Zugehörigkeit, Rückhalt sowie Hilfe bei der Problemlösung durch andere.

Die zahlreichen existierenden Konzepte, die mit Schutzfaktoren für individuelle Resilienz arbeiten, verwenden unterschiedliche viele Faktoren. Zum Teil handelt es sich jedoch um inhaltlich ähnliche Kategorien mit unterschiedlicher Benennung (vgl. z.B. Reivich & Shatté 2002, Rampe 2004). Eine kritische Zusammenstellung und Analyse der im deutschsprachigen Raum verwendeten Kategorien ergibt 7 Schlüssel, die Ressourcen für individuelle Resilienz darstellen: Akzeptanz, Optimismus, Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung, Netzwerkorientierung, Lösungsorientierung und Zukunftsorientierung (Heller 2015). Für den Umgang mit den Bedingungen der VUCA-Welt sind außerdem 3 weitere Schlüssel bedeutsam, nämlich Achtsamkeit, Ungewissheitstoleranz und Veränderungsbereitschaft.

Schutzfaktoren für Team-Resilienz

Schutzfaktoren für Team-Resilienz betreffen über die individuelle Resilienz der einzelnen Teammitglieder hinaus die Themenfelder Interaktion, Kommunikation, Fehlerkultur und Vertrauen. Ergebnisse zu spezifischen Schutzfaktoren für Team-Resilienz fanden z.B. aktuelle Studien zu erfolgreichen Teams bei google (vgl. Rozovsky 2015) oder zu Palliativ-Teams mit extrem hoher physischer und psychischer Belastung (vgl. Hartmann et al. 2016). Es sind besonders vier Schutzfaktoren, die Team-Resilienz stärken: Psychologische Sicherheit, der Umgang mit Unerwartetem, die Verarbeitung kritischer Situationen und ganzheitliches Vorgehen/ganzheitliche Sicht. Mehr dazu in der Definition: Team-Resilienz im Resilienz-ABC…

Überdies ist die Art der Teamführung für die Resilienz eines Teams wichtig. Besonders während der Veränderung hin zu immer mehr selbstbestimmten Teams ist die Führungskraft in ihrer Unterstützerfunktion gefragt um dem Team den nötigen Raum für die Entwicklung zu geben.

Befragung zu organisationalen Schutzfaktoren

Die Erforschung organisationaler Resilienz ist noch jung. Daher hat der Verband für organisationale Resilienz ORES eine Befragung zu organisationaler Resilienz entwickelt, bei deren Konzeption ich maßgeblich mitgewirkt habe. 2018 wurde die erste Welle der Befragung durchgeführt. Dabei wurde auch nach den Schutzfaktoren für Unternehmen gefragt: „Die Faktoren, die unser Unternehmen widerstandsfähig machen, sind meines Erachtens die folgenden…“

Eine systematische qualitative Datenanalyse der Antworten unterstrich die Relevanz der neun Elemente der ISO-Norm, die sich alle in den Antworten wiederfinden. Der Themenbereich „Führung“ ist sowohl als Schutz- wie als Risikofaktor ganz vorn mit dabei. Auch Themen, die die Unternehmenskultur betreffen, werden sowohl als förderliches wie als schwächendes Element häufig genannt.

Interessant sind Hinweise darauf, dass generell die Schutzfaktoren für organisationale Resilienz vor allem im Inneren der Organisation wahrgenommen werden (z. B. im Bereich Führung, Sinn oder Fehlerkultur). Als zusätzliche Themenbereiche mit häufigen Nennungen taten sich „Engagement und Motivation der MitarbeiterInnen“ sowie „Zusammenhalt/Teamgeist“ als förderlich für organisationale Resilienz auf. (Vgl. Heller et al 2018)

Ausgewählte Schutzfaktoren organisationaler Resilienz

  • Antizipation: Entwicklung im Umfeld wahrnehmen, um angemessen und frühzeitig darauf reagieren zu können.
  • Stabilität: Durch Robustheit gegen Erschütterungen von außen wird die innere Struktur aufrechterhalten.
  • Flexibilität: Durch das Mitschwingen der Struktur werden Schockwellen weniger zerstörerisch.
  • Vernetzung, Interdependenz & Koevolution: Durch Vernetzung, Wechselwirkung und gemeinsame Entwicklung gelingt die Anpassung an die Umgebung leichter.
  • Heterogenität, Dezentralität & Mobilität: Je unterschiedlicher die interne Struktur ist, desto mehr Möglichkeiten gibt es für das Handeln.
  • Diversität: Das Zusammenwirken von Systemteilnehmern mit unterschiedlichen Qualitäten und Verhaltensweisen erhöht die Widerstandsfähigkeit des Gesamtsystems.
  • Redundanz: Wenn verschiedene Dienste eines Systems durch mehrere Systemteilnehmer abgedeckt werden, steigt seine Kapazität für die Bewältigung von schädlichen Einwirkungen.
  • Kompensation: Durch Puffermechanismen können Systeme schädliche Einwirkungen für eine bestimmte Zeit tolerieren ohne ihre Funktionsweise einzubüßen.
  • Anpassungsfähigkeit: Sich an verändernde Umgebungsbedingungen anzupassen, erhöht die Resilienz eines Systems.
  • Bricolage, Kommunikation & Lernen: Zufälliges Lernen aus Erfahrungen ist für das Gesamtsystem nur dann hilfreich, wenn Informationen willentlich geteilt werden.
  • Innere Haltung: Die Einstellung gegenüber äußeren Belastungen entscheidet, ob diese auf das Gesamtsystem eher negativ oder eher positiv wirken.
  • Wechsel Belastung-Entlastung: Die Widerstandsfähigkeit eines Systems kann durch Wechsel von moderater Anspannung mit Entspannung trainiert werden.

(Liste in Anlehnung an Drath 2018)

In der ISO 22316 zu organisationaler Resilienz sind diese Schutzfaktoren ebenso zu finden. Dort werden Sie zu insgesamt 9 Elementen oder Schlüsseln verdichtet. Mehr dazu in der Definition: Organisationale Resilienz im Resilienz-ABC…

Quellen

  • Bengel, J. & Lyssenko, L. (2012). Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter. In: Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 43. Köln: BZgA
  • Drath, K. (2018). Die resiliente Organisation. Wie sich das Immunsystem von Unternehmen stärken lässt. Freiburg: Haufe.
  • Hartmann, S. et al. (2016). Das haut uns nicht um! In: MThZ 67 (2016), 286-287
  • Heller, J. et al (2018). Messung organisationaler Resilienz: Zentrale Elemente, Schutz- und Risikofaktoren. In: Heller, J. (Hrsg.). Resilienz für die VUCA-Welt. Individuelle und organisationale Resilienz entwickeln. Wiesbaden: Springer. S. 133-139
  • Heller, J. (2015). Resilienz. Innere Stärke für Führungskräfte. Zürich: orell füssli
  • Rampe, M. (2005). Der R-Faktor. München: Knaur
  • Reivich, K. & Shatté, A. (2002). The Resilience Factor. New York: Broadway Books
  • Rozovsky, J. (2015). The five keys to a successful Google team. Online: https://rework.withgoogle.com/blog/five-keys-to-a-successful-google-team/, abgerufen am 14.02.2019

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