Stärkung meiner Resilienz – mit dem Radl und zu Fuß – Teil 2

Situationselastisch handeln – meine Definition von Resilienz – das musste ich mehrfach auf dieser Tour unter Beweis stellen. Der Zeitplan funktionierte nicht, da die Hütten bereits voll waren. Meine Knie, Füße und Kondition waren nicht so stark wie gedacht. Unsere Hunde, die mit uns die Überquerung der Alpein-Scharte schafften (2959 m), hatten danach heftigen Muskelkater und blutige Pfoten. Umbuchen, Pause machen, Kniebandagen organisieren, weiter mit den alten Wanderschuhen und letztlich Abbruch waren die Alternativen. Zu Fuß beim 2. Teil meiner Resilienz-Tour kam ich durchaus an meine Grenzen.

Warum so eine Resilienz-Tour

Ich hatte tolle Bergblicke, entspannte Hüttenabende, Abwechslung, aber eigentlich ging es mir vorallem um die Begegnung mit mir selbst und das Austesten meiner Resilienz-Stärke.

5 Tage lief ich allein: in meinem Rhythmus, entsprechend meiner Bedürfnisse, langsam Schritt für Schritt. Ich wollte auf mich, meinen Körper und meine Gedanken achten – ohne Anpassung an andere, einfach selbstbestimmt. Ich wollte durchaus Grenzen ausloten und mir meine Verhaltensmuster bewusst machen. Dabei hing ich viel inneren Gedanken nach. Spannend war mein innerer Kritiker, der mich quasi immer wieder auf den richtigen Weg brachte mit seinen lauten spontanen Kommentaren wie “Pass auf”, “Stell dich nicht so an”. Gut dass ich mich auf diesen kritischen aber durchaus fürsorglichen Teil verlassen kann.

Zusammen unterwegs mit den 4beinigen Helden

3 Tage hatte ich Regenerationszeit für meine Knie. Weitere 4 Tage lief ich zusammen mit meinem Mann und den 2 Hunden. Im Hochgebirge war ich schon recht froh über die Unterstützung beim Wegsuchen und die anregenden Gespräche außerhalb des normalen Alltags. Angepasst aufeinander und eigenständig – das geht ja doch auch zusammen.

Tagebuch der Freude zur Stärkung der Resilienz

Jeden Tag notierte ich, was mich  gefreut hatte. Hier ein paar Auszüge:

  • Sonne schien um 17.00 Uhr so wie angekündigt
  • Alm mit sanften Hügeln in einem Talkessel
  • ankommen + duschen + Nachmittags schlafen
  • regenfrei nach Pause auf dem Hochsitz
  • Bergsilhouette mit Sonne und Regenbogen
  • Kuhgeläut, lange sitzen und schauen
  • abgeschleckt werden von einer Kuh so wie damals beim täglichen Milchholen
  • statt 5 nur 2,5 schmerzhafte Stellen…

    Mittagsrast mit Freudenbringer

  • Voltaren-Gel der Wirtin
  • die Massage am Pausentag
  • unbegrenzt Zeit beim Frühstücken
  • Berghänge mit gelb, blau und orangenen Blumen
  • laufen in und knapp unter den Wolken
  • heiße Suppe zum Auftauen
  • grandiose Ausblicke auf einem Höhenweg im “Plattenbau”
  • hervorragende Spaghetti in Italien

Resümee der Resilienz-Tour

Täglich 4-7 Stunden laufen ist schon viel für eine “Schreibtisch-Hockerin”, aber machbar und gerne wieder. Wenn meine Knie nächstes Jahr mitmachen, würde ich beim Pfitscherjoch starten und über Sterzing nach Bozen laufen. Das sind rund 10 Tage. Vielleicht sollte ich jedoch vorher ein Training im Mittelgebirge absolvieren…

  • Entscheidend fürs Wohlbefinden sind die Basics: gut schlafen, frische Luft (egal ob mit Regen oder Sonne), ankommen, duschen, lecker essen und trinken.
  • Wir sollten vorallem wertschätzen, was wir haben und weniger auf das “Fehlende” achten.
  • Wir können immer was für uns selbst und unser Wohlbefinden tun.
  • Belastungssituationen sind gut handhabbar, wenn wir uns mit den Resilienzschlüsseln fokussieren und stärken.

Resilienz – im Sinne von situationselastisch handeln – bietet eine Grundlage mit der uns Anpassung und Umgehen mit Überraschungen leichter fällt. Und solch eine Tour kann dann ein passendes Trainingsprogramm sein.

Geschafft bis nach Italien – Jutta Heller auf der Grenze kurz vor dem Pfitscherjoch

Es war anstrengend, aber ich bin in Italien angekommen. 🙂

Schreiben Sie mir Ihre Erfahrungen mit herausfordenden Situationen und was Ihnen geholfen hat.

2 Antworten
  1. Jörg Lowke
    Jörg Lowke says:

    Hallo Frau Prof. Dr. Heller,
    ein sehr guter Erfahrungsbericht. Im Grunde kann man für jede Erfahrung die man im Leben macht, dankbar sein. Ich selbst habe in meinem Leben schon oft Situationen erlebt, die ich dem Moment, als ich die Erfahrung machte, als schlecht und Pech einstufte. Hinterher stellte sich oft heraus, dass genau diese Erfahrung mich vor größeren Schaden bewahrte bzw. mich im Leben weiterbrachte. So habe ich mir abgewöhnt Situationen als Gut oder Schlecht zu bezeichnen, da es mir als einzelnes Individuum gar nicht möglich ist, dass einzelne Ereignis in der “Totalität” des Lebens zu bewerten.
    Übrigens wegen der Knie, dass kenne ich und fahre sehr viel Rad. Seit dem geht es meinen Knien besser und ich habe weniger bis keine Beschwerden beim Wandern. Durch das Radfahren werden die Gelenke “geschmiert”, entlastet und die Muskeln gestärkt.
    Viele Grüße
    Jörg Lowke

    Antworten
  2. Jutta Heller
    Jutta Heller says:

    Lieber Herr Lowke,
    danke für Ihre Rückmeldung – das Radfahren werde ich auch wieder mehr in den Alltag integrieren!
    Und ich gebe Ihnen da Recht: Die Einteilung von Ereignissen in “gut” oder “schlecht” ist eine subjektive Zuschreibung, die wir selbst vornehmen. Gut, wenn man da einen Schritt zurücktreten kann und die Situation aus einem anderen Blickwinkel bertrachten kann – das rückt vieles wieder in die richtige Perspektive.
    Viele Grüße,
    Jutta Heller

    Antworten

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