Embodiment Teil 1: Das Teamwork von Körper und Geist

Wenn wir traurig oder lustlos sind, lassen wir die Schultern hängen. Wir ziehen den Kopf ein, wenn uns eine Situation unangenehm ist und runzeln die Stirn, wenn wir uns ärgern. Umgekehrt heben sich unsere Mundwinkel, wenn wir uns freuen, und wir gehen aufrechter und schwungvoller, wenn wir gut gelaunt sind. Unsere Stimmung beeinflusst Haltung, Mimik und Gestik und sogar innere Körpersignale: Wenn wir verliebt sind, spüren wir Schmetterlinge im Bauch und bei traurigen Ereignissen schnürt es uns die Kehle zu. Bei Angst atmen wir flacher, Scham lässt uns erröten und wenn wir zornig sind, beschleunigt sich der Herzschlag. Diese Kopplung von Körper und Geist wird als Embodiment bezeichnet und ist durch neurowissenschaftliche und psychologische Forschungen belegt.

Embodiment ist keine Einbahnstraße

Der Körper ist die Bühne unserer Empfindungen – aber Embodiment wird noch viel spannender, wenn wir die Blickrichtung umdrehen: Die Forschungsergebnisse zeigen, dass wir durch unsere Körpersprache Gefühle und Stimmungen beeinflussen können. Das Gehirn steuert also nicht nur den Körper, sondern auch andersherum.

Unbewusst ist uns das klar, nicht umsonst verwenden wir Sprachbilder wie „Kopf hoch, Brust raus!“, wenn wir jemanden aufmuntern möchten. Doch wir sollten dieses Wissen noch viel bewusster für die Stärkung unserer mentalen Gesundheit und unseres Wohlbefindens einsetzen – und genau hier entsteht eine Schnittstelle zur Resilienz. Denn Resilienz beschäftigt sich mit der Frage „Wie kann ich mich selbst in einen guten Zustand bringen?“, insbesondere in Zeiten von wachsenden Belastungen. Embodiment ist eine mögliche Antwort und damit ein sinnvoller Baustein im Resilienztraining.

Somatische Marker & Body-Feedback: Der wissenschaftliche Hintergrund

Alles, was wir erleben, speichern wir im Gehirn als „emotionale Erfahrungen“ ab, verknüpft mit körperlichen Reaktionen. Im Lauf unseres Lebens bauen wir so ein emotionales Erfahrungsgedächtnis auf und unser Körper antwortet auf Emotionen intuitiv, quasi mit Autopilot auf Basis elektrischer und chemischer Impulse. Diese von Neurowissenschaftler António Damásio als somatische Marker bezeichneten Signale („soma“ = Körper) können von Person zu Person unterschiedlich sein, beispielsweise verkrampft Person A bei Stress den Kiefer, während Person B ein Engegefühl in der Brust spürt.

Wenn wir unseren Körper und unsere somatischen Marker gut kennen, lässt sich eine gewünschte emotionale Reaktion bewusst auslösen oder zumindest anbahnen, indem wir die für uns damit verknüpfte Körperhaltung einnehmen oder unsere Mimik entsprechend verändern (Body-Feedback). Wir können also beispielsweise Stress selbstwirksam gegensteuern, wenn wir die gelernten Muster unseres Erfahrungsgedächtnisses gezielt aktivieren. Der Körper wird damit zu einer wertvollen (und unterschätzten) Ressource für mentale Gesundheit und Resilienz.

Bitte lächeln: Gute Laune auf Knopfdruck?

Selbstverständlich reicht es nicht aus, nur bewusst die Mundwinkel zu heben, um negative Emotionen „abzuschalten“. Aber gerade in Stress- und Belastungssituationen kommt das rationale Denken aus dem Tritt und unser emotionales Erfahrungswissen übernimmt das Steuer. Dann helfen einfach anwendbare Strategien wie das Embodiment, durch kleine körperliche Interventionen die Souveränität wiederzuerlangen und Emotionen bewusst zu regulieren – eine wichtige Kompetenz auch für Führungskräfte!

Doch je stärker sich unsere Welt digitalisiert und wir uns von unserem Körper entfremden, umso mehr verkümmern diese Embodiment-Fähigkeiten. Es lohnt sich deshalb, Embodiment als Fähigkeit zu trainieren, beispielsweise im Rahmen von BGM-Programmen, Maßnahmen zur Resilienzstärkung und Leadership-Coachings.

Embodiment kann man üben

Embodiment ist ein faszinierendes Thema, mit dem ich mich seit Jahren sowohl wissenschaftlich als auch in der Praxis intensiv auseinandersetze. Embodiment lässt sich ganz pragmatisch, auch ohne großen theoretischen Unterbau einsetzen: In meinem nächsten Blogartikel im November stelle ich Ihnen zahlreiche Embodiment-Übungen vor, vom psychologischen Seufzer bis zum Facial Feedback.

1 Kommentar
  1. Andrea Jedinger sagte:

    Ich finde es sehr interessant, mit einfachen Körperübungen positive Auswirkungen zu er-reichen. Es motiviert mich wiederum diese Übungen erneut bei meinen Workshops einzubringen. Danke für den Impuls

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