Resiliente Mitarbeiter:innen – Dilemma für Firmen?

Wertvolle resiliente Mitarbeiter:innen

Seit Jahren investieren Unternehmen in die Resilienz ihrer Mitarbeiter:innen. Die meisten wissen inzwischen um den Vorteil resilienter Beschäftigter: Diese sind in der Lage, sich flexibel auf neue Aufgaben, Technologien und Anforderungen einzustellen. In den verschiedenen Phasen ihrer Karriere entwickeln sie also schnell relevante Fähigkeiten und können diese gezielt einsetzen. Außerdem können sie oft besser mit beruflichem Stress und Druck umgehen, und sie bewältigen Rückschläge und Herausforderungen besser, ohne ihre Motivation zu verlieren.

Eine Studie aus dem Jahr 2023, mit der die stg in einer Online-Befragung 375 Mitarbeiter:innen und Führungskräfte zu ihrem Karriereverständnis befragte, hat zudem nun bestätigt, dass sich Mitarbeiter:innen mit hoher Resilienz auch wohler fühlen bei dem, was sie tun. Das hat viel mit der Passung zu tun: Wir können davon ausgehen, dass resiliente Menschen eine klare Vorstellung von den Werten haben, die sie in ihrem Tun leiten und sich deswegen Positionen suchen, die diesen Werten entsprechen.

Resiliente Mitarbeiter:innen: Neues Karriereverständnis

Aber von vorne. Der Schwerpunkt der genannten Studie liegt auf der Einschätzung von „Karriere“ erwerbsarbeitender Menschen. Und da ergab sich ein interessantes Ergebnis: Immer weniger Menschen verstehen Karriere als das Hochklettern einer relativ festgelegten Karriereleiter, von einer Position in die nächste, im selben oder sehr ähnlichen Unternehmen. Sondern immer mehr Menschen begreifen „Karriere“ als eine persönliche Weiterentwicklung. Sie orientieren sich dabei an eigenen Werten, die sie für sich definiert haben und die dazu führen, dass sie vielleicht in andere Aufgabenbereiche wechseln und „seitwärts“ Karriere machen. Oder für sich gänzlich neue Arbeitsformen entdecken und sich in einer Selbständigkeit oder als working nomad ausprobieren.  Als Ziel dieser Karriere steht jedenfalls nicht mehr immer der Vorstandsposten im Unternehmen, in dem die Person ihre Lehre gemacht hat.

Ein Beispiel: Anfang 2023 führte ich ein 1-Tages-Resilienztraining für ein Beratungs-Unternehmen durch, in dem sich die Top-Führungskräfte mit ihrem hohen Workload „positiv verkaufen“ wollten. Um das zu schaffen „seien mehrfach im Jahr Aufputschmittel nötig…“ – was mich sehr erschreckt hat. Grund für das Training war die Burnout-Gefährdung der Führungskräfte. Wie passt das zusammen? Aufputschmittel zur Leistungssteigerung zu nehmen ist ein hochgradig selbstgefährdendes Verhalten – wie kann da eine Haltung der Selbstfürsorge entsehen?

Etwa drei Monate nach dem Training erreichte mich über LinkedIn die Nachricht einer Trainings-Teilnehmerin. Sie bedankte sich für die Impulse aus dem Training und berichtete, dass sie das Unternehmen verlassen habe und in die Selbstständigkeit gegangen sei. Ihr war klargeworden, dass sie die Haltung der Top-Führungskräfte nicht mehr akzeptieren konnte: Sie hatte die Spirale aus Druck und (Selbst-)Ausbeutung verlassen und für sich einen anderen Karriereweg gefunden.

Diese neue Haltung heißt „Protean Career“ (Hall, 1996, 2002), nach der Karriere verstanden wird als mehrere, klar erkennbare Lernzyklen sowie individuelle, werteorientierte und selbstgesteuerte Entscheidungen im Karriereverlauf. Weil die meisten Laufbahnen in einer VUCA-Welt auch gar nicht mehr geradlinig verlaufen können, liegt auf der Hand, das Resilienz bei Rückschlägen und Flexibilität für alternative Wege zum beruflichen Erfolg beiträgt. Und solche Menschen, die alternative Wege für sich finden, wo sie nach ihren Werten arbeiten und leben können, erfahren in ihrer Arbeit einen Sinn erster Ordnung, was zu höherer Leistungsbereitschaft und mehr Engagement führt.