Resilienz als Antwort auf die Krise
An vielen Stellen lese ich, die Antwort darauf sei Resilienz. Der Begriff wird ja, gerade seit eine Krise auf die andere folgt, inflationär gebraucht. Da ist die Rede von der resilienten Gesellschaft, resilienten Ökosystemen, Strom-Resilienz oder einer staatlichen Resilienzstrategie. Manchmal sind das nur modische neue Bezeichnungen für Konzepte, die es schon vorher unter anderem Namen gab (Katastrophenschutz zum Beispiel), manchmal sind es Erklärungsversuche für sehr komplexe Prozesse, in denen sich verschiedene Fachrichtungen von Soziologie über Biologie bis Psychologie treffen. Deswegen ist es wichtig, genau hinzusehen, was mit „Resilienz“ im jeweiligen Kontext genau gemeint ist. Wenn ich von der individuelle Resilienz spreche, dann sind das persönliche Strategien, um auch in Krisenzeiten denk- und handlungsfähig zu bleiben und einen Weg durch die Krisen zu finden ohne zu verzweifeln. Ich definiere Resilienz kurz zusammengefasst als „Innere Regulationskompetenz“, um im Außen flexibel bzw. situationselastisch agieren zu können – also im Rahmen der Möglichkeiten das Beste aus einer Situation zu machen. Und diese individuelle Resilienz erleichtert uns das Navigieren durch die aktuellen Krisen.
Charakteristisch für das Erleben von Multikrisen ist nicht allein die Intensität einzelner Ereignisse, sondern deren zeitliche Überlagerung. Phasen der Erholung fehlen, Verarbeitungsprozesse bleiben unvollständig. Psychologisch betrachtet entsteht dadurch ein Zustand chronischer Alarmbereitschaft, der sich deutlich von der Bewältigung einzelner Krisen unterscheidet.
Resilienz bedeutet in diesem Kontext nicht, Krisen einfach auszuhalten oder immer leistungsfähig zu bleiben. Gerade bei Multikrisen kann ein resilientes Verhalten auch darin bestehen, Grenzen zu erkennen, Prioritäten neu zu setzen oder Belastung bewusst zu reduzieren. Resilienz ist damit kein Zustand, sondern ein dynamischer Anpassungsprozess – insbesondere unter Bedingungen anhaltender Unsicherheit.
Ganz neu sind solche Multikrisen-Zeiten, die unsere Resilienz fordern, ja nicht. Anfang der 1980er Jahre, als sich zu Hochzeiten des Kalten Krieges auch noch das Reaktorunglück in Tschernobyl ereignete, waren die Gefühle bei vielen ähnlich düster. Wahr ist aber auch: Die aktuellen Krisen wirken sich spürbarer auf unser Leben aus und beeinflussen unser Denken und Handeln. In vielen Bereichen müssen wir uns den veränderten Bedingungen anpassen: Weniger heizen, weniger konsumieren, weniger fliegen. Und oftmals ist es genau dieser Verzicht, der uns das Akzeptieren der Umstände so schwer macht und den Blick auf bessere Zeiten, die sicher wieder kommen werden, verstellt.